Athen und das Abenteuer Demokratie (Teil 1)

Wer wäre wohl vor gar nicht allzu langer Zeit, sagen wir vor fünfzehn Jahren, auf die Idee gekommen, in der liberalen Demokratie westlichen Zuschnitts, wie wir sie seit Jahrzehnten zu schätzen gelernt haben, ein Auslaufmodell zu sehen, überhaupt ernsthafte Gefährdungen dieser Regierungsform attestieren zu wollen? Die allermeisten hätten derartige Bedenken vermutlich weit von sich gewiesen und sie zu überflüssigen Gedankenexperimenten notorischer Apokalyptiker erklärt. Ganze dreißig Jahre ist es erst her, als Francis Fukuyama unter dem Eindruck der Beendigung des Kalten Krieges und des Zusammenbruchs der kommunistischen Regierungen des Ostblocks das Ende der Geschichte ausgerufen hat. Dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler zufolge würden Demokratie und Marktwirtschaft ihren unaufhaltsamen Siegeszug antreten und nicht-westliche Kulturen nunmehr bereitwillig ihre Integration in die westliche Wertegemeinschaft unter Verinnerlichung von Gütern wie Menschen- und Freiheitsrechten vorantreiben. Genauso ist es schließlich nicht gekommen!

Und heute? Alte, liebgewonnene Gewißheiten sind im Zeichen eines beschleunigten und diffusen Wandels brüchig geworden, zum Teil haben sie sich schon verflüchtigt oder sind dabei, sich in Luft aufzulösen. Eindringliche Feststellungen dazu, was sich in jüngster Vergangenheit verändert hat und gegenwärtig unseren gesellschaftlichen Konsens bedroht, hat kürzlich der Historiker Timothy Snyder pointiert in seiner Analyse „Der Weg in die Unfreiheit“ getroffen. Man erfährt bei Snyder viel über gezielte Attacken aus Moskau auf das Funktionieren der Europäischen Union und damit unser aller Zusammenleben. Dass dabei konzeptionell der nationalsozialistische Staatsrechtler Carl Schmitt zur philosophisch-ideologischen Untermauerung der Ideen maßgeblicher Personen im Umfeld des Kreml Pate gestanden hat, mutet zunächst zwar paradox an, ist aber als Alarmsignal zu verstehen. Denn die Annektierung der Großräume, um ein Sprachbild des bekanntesten Rechtstheoretikers der deutschen Diktatur zu verwenden, liefe nun in umgekehrter Himmelsrichtung ab: von Ost nach West. Die Heimholung der Krim in den Schoß des stets unschuldigen Mütterchen Russland 2014 gibt in dieser (verqueren) Logik nur den Auftakt ab.

Ob die hierzulande politisch Verantwortlichen sich der Ernsthaftigkeit der Lage in größerem Umfang bewußt sind, darf gewiss hinterfragt werden. Unter dem aktuellen Eindruck der soeben mit guten Noten versehenen Halbzeitbilanz der Großen Koalition können einen gelinde Zweifel beschleichen, ob der dafür notwendige Blick über den Tellerrand bei allen Akteuren gelingen kann. Mindestens partiell gibt es dennoch auch positive Ausnahmen, wie aus dem von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Rahmen der „Willy-Brandt-Rede“ im Oktober 2018 in Lübeck geleisteten Beitrag hervorgeht. Steinmeier betonte: „Doch die Risse im demokratischen Fundament sind heute unübersehbar. (…) Unsere Demokratie ist auch 2018 mit keiner Ewigkeitsgarantie versehen. Die gesellschaftlichen Fliehkräfte in unserem Land sind in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen – die Gegensätze schroffer, die Mauern höher, der Ton schärfer geworden.“

Zur Klärung unserer heutigen politischen Situation im Angesicht nur unvollständig transparenter Veränderungsprozesse ist der Blick zurück hilfreich, wenn man sich anschaut, wie es gewesen ist, als das erste Mal die Bürger einer Stadt, Athen, beschlossen haben, dass die politische Herrschaft von im Laufe der Jahre immer zahlreicher werdenden Angehörigen des Demos, vom Volk, auszugehen hat. Was waren ihre Beweggründe, was hat sie dazu angetrieben, welchen Problemen, Schwierigkeiten und Bedrohungsszenarien komplexer Natur sahen sie sich gegenüber? Und schließlich: Wodurch ist das Ende der attischen Demokratie herbeigeführt worden?

Eine Gesellschaft verändert sich

Die Einwohnerschaft Athens und der dazugehörigen umgebenden Landschaft Attikas war sich ab der Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. dessen bewusst, dass sie in einem demokratisch verfassten Stadtstaat, der Polis, leben würde. Jedenfalls finden sich ab dieser Zeit literarische und textliche Belege, die zu diesem Ergebnis kommen. Möglicherweise ist man auch schon zwei oder drei Jahrzehnte früher zu dieser Einschätzung gelangt, die auf uns gekommenen Quellen geben es jedenfalls nicht her. Da es weder eine politische Ideenlehre theoretischer Art noch praktische Vorbilder, die imitiert hätten werden können, gab, liegt nahe, dass sich in der athenischen Gesellschaft etwas verändert haben muss gegenüber den zurückliegenden Jahrhunderten.

Als ein Bereich der grundlegenden Neuerungen und Veränderungen ausgesetzt war, lässt sich unschwer der militärische identifizieren. Auf bildlichen Darstellungen wie dem Schulterfries der um 640 v. Chr. hergestellten Chigi-Kanne, in der Terminologie der Klassischen Archäologie einer schwarzfigurigen protokorinthischen Olpe, sind zwei Reihen, Phalangen, schwerbewaffneter Kämpfer, Hopliten, einander gegenübergestellt. Diese mit Helm, Schutzschild, metallenen Beinschienen, Schwert und Speer ausgerüsteten Soldaten sollten in den kommenden Jahrhunderten die Standardformation griechischer Militärtaktik bilden. Der adlige Einzelkämpfer, der gemeinsam mit seinen aristokratischen Gefährten, den Hetairoi, die Schlachtfelder des Altertums dominierte, und daraus Status und Bedeutung abgeleitet hat, war seiner bisherigen unangefochtenen Stellung enthoben.

Die neue Lage kommt in dem Reformwerk zum Ausdruck, das unter der Bezeichnung Solonische Reformen allgemeinere Bekanntkeit genießt. Solon ist 594 v. Chr. zum Archon, einer Art von Spitzenbeamten, gewählt worden, um mit unumschränkter Macht als Schiedsrichter und Versöhner die in mehrere Lager hauptsächlich aufgrund erheblicher wirtschaftlicher Ungleichheiten zerfallene Bevölkerung Attikas wieder zu vereinen. Ein wesentliches Element seiner Ordnungsvorstellungen bestand darin, dass zukünftig politischer Einfluss nicht mehr an die Herkunft, also die Zugehörigkeit zum Adel, sondern an das Vermögen geknüpft sein sollte. Der Kreis derjenigen, die in der Volksversammlung, gewissermaßen dem antiken Parlament, bei Abstimmungen mitwirken durften, wurde nun beträchtlich erweitert. Wer mehr als 150 bzw. 200 Scheffel Ertrag an landwirtschaftlichen Produkten nachweisen konnte und somit einem Bauerntum mit bescheidenem Wohlstand angehörte, gehörte als Zeugit dieser neu geschaffenen Klasse politisch Berechtigter an. Anders formuliert: Wer ökonomisch leistungfähig genug war, um für die eigene Rüstung und Ausrüstung als in der Phalanx sich bewährender Hoplit aufzukommen, dem wurde politische Teilhabe als Äquivalent erwiesener Leistungsbereitschaft für das Gemeinwesen zugestanden. Dieses von Solon geschaffene System ist als Timokratie bekannt geworden.

Tyrannis in Athen

Solons timokratische Ordnung war ein wichtiger Meilenstein, errichtet in archaischer Zeit, auf dem Weg zur Demokratie, die erst in der Klassik ihre Vollendung erfuhr. Die Wegstrecke selbst gestaltete sich indes kurvenreich und uneben genug.

Denn aus Ränken und Fehden adeliger Familien untereinander, die nach wie vor auf lokaler Ebene ein überaus hohes Maß an Ansehen und Einfluss genossen, ging ein gewisser Peisistratos als bestimmende Persönlichkeit hervor. Ab 561 v. Chr. unternahm er mehrere Anläufe, um die Alleinherrschaft, die Tyrannis, in Athen zu etablieren. Bis 510 v. Chr. – für etwa ein halbes Jahrhundert – konnte sie von Peisistratos und seinen Söhnen Hippias und Hipparch schließlich aufrechterhalten werden.

Dass andere mächtige Adelsfamilien zu Wohlverhalten oder in die Verbannung gezwungen wurden, überrascht nicht, in unserem Zusammenhang ist die Frage nach den Unterstützern der Peisistratiden jedoch interessanter. Trotz lückenhafter Überlieferung zeichnet sich ab, dass es innerhalb von Attika, das flächenmäßig ungefähr so groß wie das Saarland war und ist, vor allem die verarmten Kleinbauern aus den bergigen Gegenden Ostattikas waren, die in diesem Sinne hilfreich gewirkt haben. Neben fremder Hilfe durch geworbene Söldner und auswärtige Tyrannen waren es demnach vor allem diejenigen, die sich politisch nicht hinreichend repräsentiert fühlten, die sich etwas von Peisistratos versprachen. Die Tyrannis der Peisistratiden soll folgerichtig von Volksfreundlichkeit bestimmt gewesen sein. Den ärmeren Bauern wurde mit Darlehen ausgeholfen und wer prozessieren wollte, dem wurde der mühsame und zeitraubende Weg in die Stadt erspart, indem die Richter in die teilweise entlegenen Dörfer geschickt wurden. Die pompösere Ausgestaltung des Stadt- und Staatsfestes der Panathenäen, bei dem ein Umzug ein der Göttin Athene geweihtes Gewand auf die Akropolis brachte, gehörte insofern auch zu den volksnahen Elementen dazu, als dass derartige Festivitäten und der ihnen anhaftende Prunk über alle Zeiten hinweg ein probates Mittel waren, um die Identifikation des Staatsvolkes mit dem bestehenden System zu heben, wie man nicht zuletzt seit den nationalsozialistischen Reichsparteitagen in Nürnberg weiß.

Das Ende der Alleinherrschaft hat der Althistoriker Jochen Bleicken folgendermaßen beschrieben: „Die Spannungen wuchsen. Es war charakteristisch, dass es die Athener nach der langen politischen Enthaltsamkeit nicht fertigbrachten, von sich aus die Tyrannen zu vertreiben; sie benötigten auswärtige Hilfe. Diese brachten unter Vermittlung eines der von den Peisistratiden verbannten Geschlechter, nämlich der mächtigen Alkmeoniden, dann die Spartaner. Nach einem gescheiterten ersten Versuch gelang es schließlich dem Spartanerkönig Kleomenes, die Peisistratiden in der Burg einzuschließen und schließlich unter Gewährung freien Abzugs Athen zu befreien (510).“ (s. Jochen Bleicken, Die athenische Demokratie, 2. Aufl. 1988, S. 32)

Alles war wieder offen. Nach den Vorstellungen des Isagoras wäre die Tyrannis wünschenswerterweise von einer Oligarchie abgelöst worden. Die Ausübung politischer Herrschaft hätte dann ein zahlenmäßig streng eingegrenzter Personenkreis – und nur der – übernommen. Man wird kaum fehl gehen in der Annahme, in dieser exklusiven Gruppe die antiken Vorläufer der heutigen „wealthy few“ zu sehen. Es kam schließlich anders: Die wenige Jahre später 508/507 von dem politischen Erneuerer Kleisthenes in Gang gesetzte Phylenreform zielte dann folgerichtig darauf ab, die lokalen Basen einflussreicher Familien zu schwächen, indem eine andersartige Durchmischung der Einwohner von Stadt, Küste und Binnenland erreicht wurde. Dass im gleichen Atemzug der von Solon eingerichtete Rat der Vierhundert als die Verfahrensabläufe der Volksversammlung koordinierendes Gremium um einhundert Mitglieder erweitert wurde, ist ein weiterer Hinweis dafür, dass der Weg in Richtung Demokratisierung nach dem Ende der Tyrannis fortgesetzt wurde.

Der den weiteren Gang des Geschehens in den Blick nehmende zweite Teil dieses Beitrags erscheint recht bald in diesem Blog!

Bildnachweis©derblogger

 

 

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