Athen und das Abenteuer Demokratie (Teil 2)

Ein erweiterter Kreis

Während das 6. Jahrhundert v. Chr. sich also seinem Ende zuneigte, die Tyrannis abgeschüttelt war und Kunst und Kultur der archaischen Epoche allmählich den Übergang zur Klassik vollzogen, erwartete die Griechen von Osten her bedrohliches Ungemach, da sie es mit dem expandierenden Imperium der Perser zu tun bekamen. Erste Leidtragende unter ihnen waren diejenigen, die an der kleinasiatischen Westküste vorzugsweise in Städten siedelten und nicht bereit waren, die neue Oberherrschaft des Großkönigs Dareios I. zu akzeptieren. Im Rahmen des Geschehens, das mit der Bezeichnung Ionischer Aufstand benannt wird, ist es unter anderem zur Zerstörung der bedeutenden Metropole Milet 494 v. Chr. und der Verbringung der überlebenden Einwohnerschaft nach Mesopotamien gekommen. Die Perser rückten weiter gen Westen vor.

Was folgte, darüber hat Herodot in den Historien detailliert Bericht erstattet. Es ist das Kriegsgeschehen, das untrennbar mit den Ortsnamen Marathon, Thermopylen, Salamis und Plataiai verbunden ist. Am Ende des Tages oder vielmehr im Jahr 479 v. Chr. gingen die Griechen als Sieger daraus hervor. Sicherlich hätte es angesichts der unterschiedlichen Kräftverhältnisse anders kommen können, bei kompetenterer persischer Führung wohl auch müssen, und daher lassen sich über einen angenommenen entgegengesetzten Ausgang der Ereignisse vortrefflich kontrafaktische Erwägungen anstellen. Allein, sie ändern das Geschehene nicht. Auch das Räsonieren über die welthistorische Bedeutung dieses Aktes der Selbstbehauptung des Westens gegenüber dem Osten ist im Erkenntniswert für das hier gestellte Thema eher begrenzt. Dennoch soll mindestens die Einschätzung des britischen Philosophen John Stuart Mill aus dem 19. Jahrhundert nicht vorenthalten werden: „Die Schlacht von Marathon ist selbst als ein Ereignis der englischen Geschichte wichtiger als die Schlacht bei Hastings.“ 

Was nun die Erweiterung des Personenkreises politisch Berechtigter anbetraf, war es insbesondere die im Saronischen Golf ausgefochtene Seeschlacht von Salamis, die ganz erhebliche Auswirkungen mit sich brachte. Das unter der Ägide des Themistokles aufgelegte Flottenbauprogramm führte nicht nur zur beachtlichen zahlenmäßigen Vermehrung der aufgebotenen Schiffe vom Typ Triere, von denen Athen dadurch um die 200 besessen haben soll, sondern auch zu der Frage, wer diese Schiffe rudern sollte. 170 Ruderer werden in der Literatur pro galeerenartiger Triere veranschlagt, so dass Attika um die 34.000 Kandidaten für den schweren Dienst zu gewinnen hatte. Die Angehörigen der ersten drei Vermögensklassen (Pentakosiomedimnoi, Hippeis und Zeugiten) waren wehrtechnisch bereits verplant, um zu Lande als Angehörige verschiedener Heereseinheiten die Verteidigung griechischer Belange zu gewährleisten. Damit hatte die große Stunde der weitgehend Besitzlosen, arm genug, um nicht in der Lage zu sein, die finanziellen Mittel zum Erwerb einer Hoplitenausrüstung zur Verfügung zu haben, geschlagen. Der politische Lohn der bisher in der Volksversammlung nicht repräsentierten Theten wurde diesen bald nach der Seeschlacht bei Salamis zuerkannt.

Wer nicht dazugehörte

Im Unterschied zu der heute in den Staaten des Westens praktizierten repräsentativen Demokratie ist die attische Demokratie eine direkte gewesen. Aktive Mitwirkung in ihr war jedoch ein exklusives Recht, man könnte von Privileg sprechen, das mitnichten allen Einwohnern Attikas zugesprochen wurde. Das volle Bürgerrecht wurde als Ausdruck dieser Exklusivität per Gesetz aus dem Jahr 451/450 v. Chr. auf diejenigen beschränkt, deren Vater und Mutter Athener waren. Und zu diesem Zeitpunkt befinden wir uns bereits in jener Phase, in der die „gemäßigte“ in die „radikale“ Demokratie übergegangen, in der beispielsweise die Kontrolle der Beamten dem alten Adelsrat, dem Areopag, vollends entzogen und auf die Geschworenengerichte und die Volksversammlung übertragen worden ist.

Wenn man für die Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. als Gesamtzahl der in Attika lebenden Menschen eine Größenordnung von ca. 250.000 Personen annimmt, so ist davon auszugehen, dass kaum 20 Prozent, also maximal 50.000 von ihnen, in den Genuss des vollen Bürgerrechts gekommen sind. Ausschließlich ihnen oblag es, in den bei Morgengrauen auf der Pnyx startenden Sitzungen der Volksversammlung für alle bindende Beschlüsse zu fassen, wobei die Beschlussfähigkeit an eine Mindestzahl von 6.000 Teilnehmern geknüpft war. Nicht dazu gehörte die für Handel und Gewerbe wichtige Gruppe der Metöken, von Fremden also, deren heutiger Status dem politisch rechtloser Migranten oder Gastarbeiter entsprechen würde. Gerade an ihnen wird sichtbar zu welchen vollkommen anders gelagerten Schlussfolgerungen 650 Jahre später man im Imperium Romanum gelangt ist, als 212 n. Chr. Kaiser Caracalla im Rahmen der Constitutio Antoniniana das Bürgerrecht auf alle freien Einwohner des Reiches ausgedehnt hat. Ebenfalls politisch rechtlos war die große Gruppe der Sklaven, deren diesbezügliches Los sich selbst dann nicht verbesserte, wenn sie das Glück hatten, freigelassen zu werden. Bevor das geschah, konnten sich die Lebensumstände höchst verschiedenartig gestalten, je nachdem ob man Bergwerkssklave in den Silberminen oder Hauslehrer bei einer vornehmen Familie war. Dass der athenische Wohlstand wesentlich auf einer sklavenbasierten Ökonomie beruhte und somit erst der zum Aufbau einer funktionierenden Demokratie notwendige Freiraum politisch Berechtigter entstanden ist, ist für eine Vielzahl von Althistorikern conditio sine qua non. Frauen hingegen waren zwar persönlich frei, genossen juristischen Schutz bei schlechter Behandlung in der Familie, waren nicht auf die Ausübung einer Rolle im Haus festgelegt, sondern ebenso in der Öffentlichkeit präsent, doch politische Rechte hatten sie nicht.

 

Auf verschlungenen Pfaden

Es war Athens große, immer weiter anwachsende Flotte, die es der Stadt erlaubte, in der Ägäis und darüber hinaus in den östlichen Bereichen des Mittelmeers zur See eine bestimmende Stellung auszubauen. Sie gipfelte darin, dass der gemeinsame Schatz der durchweg tributpflichtigen Bündner im Attischen Seebund weg von der Insel Delos, wo er ursprünglich beheimatet war, auf die Akropolis verbracht werden konnte. Selbst im kultischen Bereich erfolgte eine Neuorientierung weg von Apollon hin zu Athene.

Der seit langem gärende innergriechische Dualismus mit der dominierenden Polis zu Lande, Sparta, führte endlich zum finalen Konflikt, der, wie wir seit Thukydides wissen, seinen Austrag im Peloponnesischen Krieg ab 431 v. Chr. gefunden hat. Das Kriegsende nach mehr als einem Vierteljahrhundert andauernden Hin und Hers 404 v. Chr. war für die Stadt des Sokrates mit einer bitteren Niederlage verbunden. Eine Niederlage allerdings, an die zumindest der Schriftsteller Xenophon, ein Schüler von Sokrates, zunächst bestimmte Hoffnungen knüpfte, wie er in den „Hellenika“ geschrieben hat: „Nach der Annahme der Friedensbedingungen fuhr Lysander in den Peiraios ein, die Verbannten kehrten zurück, und man begann mit Freuden, die Mauern unter der Begleitmusik von Flötenspielerinnen einzureißen, da man glaubte, dass mit jenem Tag der Anfang der Freiheit für Hellas begonnen habe.“ Stattdessen wurde jedoch mit der sogenannten „Herrschaft der Dreißig“ eine spartafreundliche Oligarchie in Athen installiert. Ein wenige Jahre zuvor gescheiterter Versuch, die politische Entscheidungsgewalt gleichfalls von vielen auf wenige Schultern zu legen, weist darauf hin, dass in Zeiten außenpolitischer Bedrängnis demokratische Systeme in all ihrer Fragilität leicht unter Beschuss geraten können. Dies vielleicht eine überzeitliche Botschaft, die uns aus der Ferne von zweieinhalb Jahrtausenden erreicht.

Bereits 403 v. Chr. wurde die Oligarchie in Athen wieder suspendiert und erneut kam die  Volksherrschaft zur Regelung politischer Belange zum Zuge. Die Zeiten hatten sich mittlerweile verändert, was sie mit den Tagen eines Solon und Kleisthenes verband, war die immerwährende Bereitschaft und Neigung der griechischen Poleis, sich in ständigen zwischenstaatlichen Scharmützeln und Konflikten um die Segnungen eines erarbeiteten Wohlstands zu bringen. Nichtsdestoweniger konnte im 4. Jahrhundert v. Chr. noch einmal der Seebund unter athenischer Führung reaktiviert werden, die nach wie vor bestehende Dominanz wurde aber nicht mehr so bevormundend gegenüber den anderen Mitgliedern praktiziert wie im Jahrhundert zuvor. Es ist ursächlich der Aufstieg des makedonischen Königreichs gewesen, das als Territorialstaat und nicht als Stadtstaat strukturiert war, mit dem das Ende der klassischen attischen Demokratie einherging. Im dafür entscheidenden Jahr 322 v. Chr. verlegte schließlich der Nachfolger Alexanders eine militärische Besatzung in den Piräus. Damit verbunden war wiederum die Einsetzung einer Oligarchie.

Obwohl Prinzipien der Gewaltenteilung nicht zu ihrem Funktionieren als notwendiger Baustein vorhanden waren, obwohl Menschenrechte fremd waren, obwohl Athen und Attika eine Polis und kein moderner Flächenstaat waren, ist in der Heimat des über allem schwebenden Parthenon die Fackel für eine spezielle Form des Zusammenlebens menschlicher Gemeinschaften auf breiter allgemeiner Grundlage entzündet worden, die in unserer Gegenwart immer noch leuchtet. Möge sie nicht so bald verglühen!

Bildnachweis©derblogger

 

 

 

 

 

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