Der Südseeschwindel 1720: Eine weitere Spekulationsblase platzt

Acht Jahrzehnte sind seit dem Ende des Tulpenhype in den Niederlanden vergangen. Europäische Seefahrer dominieren die Weltmeere mehr denn je, namens und im Auftrag heimischer Herrscherhäuser werden seit langer Zeit auf fernen Kontinenten Handelsstützpunkte und Kolonien angelegt. Sir Walter Raleighs Vorhersage, „Wer immer das Meer beherrscht, beherrscht den Handel, wer immer den Handel beherrscht, herrscht über die Reichtümer dieser Welt, also über die Welt selbst,“ scheint inzwischen Realität geworden zu sein. 

Was die Entdeckung exotischer Länder in Übersee angeht, waren es zunächst wagemutige portugiesische oder in Diensten der kastilischen Krone segelnde Abenteurer, die bereits Ende des 15. Jahrhunderts Kenntnis der machbaren Routen in die Karibik, nach Brasilien oder nach Indien um das Kap der Guten Hoffnung herum erlangten. Während vor allem die Spanier in Südamerika nach dem sagenhaften Goldland Eldorado gesucht haben, war es den Portugiesen und später den Niederländern vorbehalten, in Indien und der indonesischen Inselwelt Naturprodukte in Form von Pfeffer, Muskat oder Nelken zu ernten und in die heimischen Gefilde zu exportieren. Für so manchen Großkaufmann aus Amsterdam oder Lissabon erwiesen sich die unscheinbaren Gewürze als Quelle beträchtlichen Reichtums. 

Doch ebenso hat sich zeitgleich der Handel mit Sklaven zu einer alltäglichen, auf die Maximierung von ökonomischen Erträgen ausgerichteten Begleiterscheinung mit überaus grausamen Zügen entwickelt, insbesondere dort, wo personalintensive Plantagenwirtschaft betrieben wurde. Das war anfänglich auf der im Golf von Guinea ungefähr 200 Kilometer westlich des afrikanischen Festlandes befindlichen Insel São Tomé der Fall. Das günstige Klima auf Äquatorhöhe ermöglichte hier den großflächigen Anbau von Zuckerrohr. Um die immer stärker werdende Nachfrage nach dem Endprodukt stillen zu können, wurden alljährlich 4000 schwarze Sklaven gegen ihren Willen hierher verbracht. Der im 16. und gesteigert im 17. Jahrhundert in Europa immer mehr um sich greifenden Sucht nach Zucker begegneten die Portugiesen nach einem Aufstand der versklavten Plantagenarbeiter auf São Tomé 1595, indem die für die Produktion notwendigen Mühlen, Öfen und Zuckerfabriken abgebaut und quer über den Atlantik nach Brasilien verbracht wurden. Einerseits war damit bald darauf der berüchtigte transatlantische Dreieckshandel etabliert, dessen Funktionieren auf dem Transport europäischer Waffen, von Metallgegenständen und Tuchen nach Westafrika im Austausch gegen Sklaven und deren Weitertransport nach Amerika einschließlich der Karibik basierte. Europa selbst wurde anschließend von Amerika aus vorwiegend mit Tabak und Zucker beliefert. Andererseits brauchte es von Brasilien aus nicht allzu lange bis der Transfer des landwirtschaftlichen und produktionstechnischen Wissens rund um das Zuckerrohr in benachbarte, ebenfalls klimatisch für den Anbau begünstigte Regionen erfolgte.

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Kanonen aus der Kolonialzeit in St. Lucy ganz im Norden von Barbados.

Die Karibik war entschieden eine solche Region. Spanier, Niederländer, Franzosen und Engländer, selbst die Dänen, verfügten in der tropischen Inselwelt über zahlreiche koloniale Besitztümer. Für England, das ja erst 1707 in der Vereinigung mit Schottland erfolgreich den Weg zum Königreich Großbritannien beschritten hat, bedeutete dies vor Ort in der Zeit, die von Fachleuten als älteres Empire bezeichnet wird, unter anderem die teilweise durchaus nicht unumstrittene Herrschaft über die Bahamas, Barbados, Jamaika, Antigua, Dominica, St. Kitts und Nevis, Grenada, Montserrat, Anguilla, die Britischen Jungferninseln, Tobago und St. Vincent und die Grenadinen. Späterhin kamen noch einige andere Territorien hinzu. Unwillkürlich möchte man den sich 1776 mit Hilfe der Declaration of Independence allmählich aus der bevormundenden Umklammerung der britischen Krone herauslösenden nordamerikanischen Kolonien ein ungleich größeres Gewicht, eine entscheidendere Wichtigkeit im Vergleich gegenüber einigen abgelegenen Karibikinseln beimessen. Dem war aber nicht so. Sie galten dem Historiker Peter Wende zufolge zu Beginn des 18. Jahrhunderts als „the brightest jewel in his Majestys’s crown“. 1686 wurde für mehr als eine halbe Million Pfund Zucker aus Westindien auf die Britischen Inseln importiert, womit der Gesamtwert der Importe aus den nordamerikanischen Besitzungen um etwa des Dreifache übertroffen wurde. Das dafür notwendige Produktionsvolumen war allein durch den massiven Personaleinsatz schwarzer Sklaven aus Afrika zu bewältigen, nachdem sich die indigene Bevölkerung für die äußerst harte Arbeit auf den Plantagen als nicht leistungsfähig und robust genug erwiesen hatte und entsprechende Experimente mit Tagelöhnern aus Europa ebenfalls gescheitert waren. Nach Auffassung des Historikers Jürgen Elvert versechsfachte sich der von britischen Schiffen auf der sogenannten Middle Passage von Afrika nach Amerika durchgeführte Sklavenexport von ungefähr 428.000 Menschen im Zeitraum 1601 bis 1700 auf geschätzte 2.545.000 Personen im Zeitraum 1701 bis 1800. Nicht das 17. Jahrhundert, sondern das 18. Jahrhundert ist demgemäß als das Jahrhundert der Sklaverei schlechthin anzusprechen.

Spanien, das in Afrika südlich der Sahara nur über eine einzige ungefähr dem Gebiet des heutigen Äquatorialguinea entsprechende Kolonie verfügte, löste das Problem einer zu geringen Zufuhr mit billigen Arbeitskräften ins spanische Amerika durch einen als Asiento de Negros genannten Vertrag, geschlossen mit jeweils wechselnden Partnern. Während es 1701 Frankreich gelang, Vertragspartner des begehrten Asiento zu werden, waren nach dem Ende des Spanischen Erbfolgekriegs die Briten 1713 an der Reihe, und zwar schriftlich fixiert für die nächsten dreißig Jahre. Ein Zusammenhang zu den im 18. Jahrhundert boomenden transatlantischen Transportziffern wird kaum von der Hand zu weisen sein, ebenso wenig wie zwei Jahre zuvor bei der Gründung der South Sea Company als Aktiengesellschaft einige Investoren bereits auf eine erhebliche Ausweitung des sehr speziellen, menschenverachtenden Geschäftsfeldes spekuliert haben werden.

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Sklaven auf der Insel Antigua beim Schneiden von Zuckerrohr hundert Jahre nach dem Südseeschwindel.

Der Südseeschwindel

Die Bezeichnungen South Sea Company und South Sea Bubble rufen Bilder der malerischen pazifischen Inselwelt Polynesiens in der Südsee hervor. Bilder wie sie Paul Gauguin gemalt haben könnte. Die entsprechenden Entdeckungsfahrten und kartographischen Aufzeichnungen von James Cook sind allerdings erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vorgenommen worden. Insofern sind hier mit South Sea die Europa geographisch deutlich näherliegenden meerumwundenen Regionen Mittel- und Südamerikas bzw. der Karibik gemeint. 

Geschäftszweck der South Sea Company ist neben dem Amerikahandel die Übernahme der englischen Staatsschulden. Im Herbst 1711 werden daher im Wert von 9 Millionen Pfund illiquide – da nur nach Ablauf festgesetzter Fristen veräußerbar – Schuldscheine von Gläubigern angenommen, die ihrerseits als Gegenleistung zu Aktionären der neuen Gesellschaft werden. Zwar hat es die erste europäische Börse bereits 1409 in Brügge gegeben, der 50 Jahre später Antwerpen nachgefolgt ist, doch ein Massenphänomen ist der Handel mit Wertpapieren in den zurückliegenden dreihundert Jahren nicht geworden. Das ändert sich nun in London.

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Royal Exchange in London. Das Ursprungsgebäude der ersten nach dem Vorbild Antwerpen errichteten Börse der Stadt wurde beim großen Brand 1666 zerstört.

Knapp acht Jahre sind im Sommer 1719 seit der Gründung der South Sea Company vergangen und man bereitet sich in den feinen Geschäftsräumen in der Threadneedle Street auf die Übernahme sämtlicher Staatsschulden des Landes vor, von denen noch rund 31 Millionen Pfund in den Händen der Allgemeinheit liegen. Im April 1720 wird das Vorhaben von König und Oberhaus abgenickt. 310.000 Aktien zu jeweils 100 Pfund werden ausgegeben, liegt der Kurs darüber darf die Gesellschaft einen entsprechenden Gewinn verbuchen. Daher ist eine Platzierung in vier Tranchen vorgesehen. Gezielt werden Gerüchte von um Gold und Silber kreisenden sagenhaften Geschäftsmöglichkeiten in Südamerika in die Welt gesetzt. Der Dichter Alexander Pope hat damals angemerkt, es wäre schmählich gewesen in diesem Zeitalter voller Hoffnung und goldener Berge nichts zu wagen. Im März 1720 ist der Kurs schon auf 330 Pfund gestiegen, im Mai desselben Jahres auf 550 Pfund. Die South Sea Company gewährt inzwischen großzügigerweise Darlehen, damit Spekulanten auf Kredit Aktien kaufen können. Im Juni steigt der Kurs auf 1050 Pfund und allmählich kippt die Stimmung. Wer mit den Firmeninterna vertraut ist, weiß natürlich, dass die Perspektiven des Südamerikageschäfts keineswegs so glänzend sind wie erhofft und einer gutgläubigen Öffentlichkeit in den schönsten Farben ausgemalt. Die Insider beginnen zu verkaufen. Alles geht rasend schnell: Im September 1720 kostet eine Aktie nur noch 175 Pfund. Auch der Physiker Isaac Newton soll beim Platzen der Spekulationsblase viel Geld verloren haben.

Die Mechanismen einer ausufernden Börsenspekulation mit Aktien sind seitdem bekannt. Auch dass ein solches Geschehen nicht lokal begrenzt ist, sondern eine internationale Dimension haben kann. In diesem Fall sind z. B. die Schweizer Bankhäuser Malacrida und Samuel Müller in Bern mit in den Abgrund gerissen worden. 

Wer sich weitergehende Aufschlüsse zum Thema verschaffen möchte, sei auf die kenntnisreiche englischsprachige Arbeit von Helen Julia Paul, The South Sea Bubble: An Economic History of its Origins and Consequences, aus dem Jahr 2011 verwiesen.

Bildnachweis©unsplash

Mein nächster Beitrag beschäftigt sich mit den Ereignissen rund um den Gründerkrach der 1870er Jahre im frisch gegründeten Deutschen Reich! 

 

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