Er war Hitlers Architekt: Albert Speer

Von Albert Speer ist die Aussage, sofern Hitler einen Freund gehabt hätte, dann wäre er es gewesen, überliefert. An zu großer räumlicher Distanz kann es jedenfalls nicht gelegen haben, dass daraus nichts wurde. Denn als einem der wenigen Gefolgsleute des Führers war es ihm und seiner Familie gestattet, sich auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden häuslich niederzulassen. Im Internet aufrufbare Farbfilmaufnahmen zeigen die Kinder von Albert und Margarete Speer, namentlich Albert junior und Hilde, im spielerischen und vertrauten Umgang mit dem Diktator. Ob Albert senior wohl einen Gedanken daran verschwendet hat, was im Falle einer seinerseits vermeintlich illoyalen Handlung  hätte passieren können, nämlich Sippenhaft für alle, darüber ist nichts bekannt. Die Frage danach ist nicht rein hypothetisch, da Speer nach Ende des 2. Weltkriegs behauptet hat, er sei mit Anschlagsplanungen gegen Hitler befasst gewesen. Doch das ist barer Unsinn.

Architekt im Nationalsozialismus

Wäre es nach dem Willen des 1905 in wohlhabendem Elternhaus in Mannheim  geborenen Albert Speer gegangen, dann wäre aus ihm wohl ein Mathematiker geworden. Seine geradezu artistischen Fähigkeiten mit Zahlenkolonnen und ihren untereinander vorhandenen Relationen zu jonglieren, brachten ihm später, als er ab 1942 das Amt des Rüstungsministers bekleiden sollte, das Staunen seiner Parteigenossen in der NSDAP ein, noch später das Erstaunen der Angehörigen der alliierten Besatzungsmächte.

Doch Lebenswege wollen von ihrem Anfang aus betrachtet werden. So sehen wir den jungen Albert Speer, der eben kein Mathematiker wurde, die Laufbahn eines Architekten einschlagen, eine berufliche Laufbahn, der sich schon sein Vater verschrieben hatte. Die universitären Stationen hießen Karlsruhe, München und Berlin, wo er nach Erhalt seines Diploms 1927 für mehrere Jahre Assistent bei Heinrich Tessenow werden sollte. Mit der Mitgliedsnummer 474.481 wurde Speer im März 1931 in die NSDAP aufgenommen. Noch vor Hitlers Kanzlerschaft im Januar 1933 erledigte der aufstrebende Architekt erste Bauaufgaben für die Partei. Für den Umbau des Gauhauses in der Berliner Voßstraße brachte der dem Kampfbund Deutscher Architekten und Ingenieure Zugehörige ganz offenbar die richtigen ideologischen Voraussetzungen mit.

Nürnberg

In der sogenannten Stadt der Reichsparteitage sollte Speer 1934 mit der künstlerischen Betreuung der zu schaffenden Anlagen und Veranstaltungen bedacht werden. Was heißt das? Damit sind nicht Bauaufgaben im eigentlichen Sinne, sondern dekorative und inszenierende Tätigkeiten umschrieben. Um dem gewöhnlichen Parteitagsteilnehmer einerseits seine Individualität durch Eingebundensein in die strukturierte Masse der aufmarschierten Formationen zu nehmen, ihn andererseits mit einem Hochgefühl, etwas ganz Besonderes erlebt zu haben, auszustatten, griffen die Veranstalter zu ausgeklügelten Maßnahmen. Senkrecht in den Himmel gerichtete leistungsstarke Scheinwerfer illuminierten bei Dunkelheit beeindruckend genug, so dass die sakral anmutende Metapher vom „Lichtdom“ entstand. Magnesiumfeuer rund um das Aufmarschgelände, das Zeppelinfeld, sowie entzündete Fackeln verstärkten die Atmosphäre. Ergänzend dazu verstand es Leni Riefenstahl die Ereignisse filmisch umzusetzen. Ergebnis war „Triumph des Willens“, ein suggestives Meisterwerk, das später für den Reichsparteitag des Jahres 1934 namengebend werden sollte. Speer und Riefenstahl, beide auf ihre jeweilige Art, verstanden es, durch Maßnahmen die wir heute den Public Relations zuordnen würden, dem Reichsparteitag die Weihe zu erteilen, die die Parteiführung vor Ort und in den Lichtspielhäusern (=Kinos) zu erzielen hoffte. Ausgangspunkt war die Situation einer Regierung, die im September 1934 noch in der Phase der Machtsicherung begriffen war.

Danach war die Zeit reif für Speer, noch bedeutendere Aufgaben zu übernehmen. Noch heute können Besucher des Zeppelinfeldes in Nürnberg die vor ihnen aufragende, inzwischen baufällige Tribüne anschauen. Einzig die Hoheitszeichen der Nationalsozialisten und die Kolonnaden sind gesprengt worden. Der Rest ist Speer im Original. Konzeptionell und in der Ausführung erinnert die Haupttribüne an ein Vorbild, das man so sicherlich nicht erwarten würde: den Pergamonaltar. Ein Bauwerk der Sakralarchitektur mithin, welches als so bedeutend angesehen wurde und wird, dass man ein komplettes Museum in Berlin nach ihm benannt hat. Stilistisch steht der Pergamonaltar nicht mehr für die griechische Klassik der Perikles-Zeit, sondern für die überbordende Prachtentfaltung des Hellenismus. Zeitlich handelt es sich dabei um eine Stilphase, die mit dem Tod Alexander des Großen begann und mit der römischen Okkupation der östlichen Mittelmeerräume endete. Speer wußte um derartige Bezüge. Wissen und Wertschätzung gingen wohl Hand in Hand, da seine baukünstlerische Auffassung am ehesten dem Neo-Klassizismus zuzuordnen ist.

Welthauptstadt Germania

Der Versuch der Umwandlung Berlins in die Welthauptstadt Germania ist vielleicht am ehesten mit den Begriffspaaren Überheblichkeit und Anmaßung sowie Größenwahn und Hybris zu beschreiben. Oberster Planer und Verantwortlicher dafür war wiederum Albert Speer, mit dem vierten Jahrestag der Machtergreifung am 30. Januar 1937 zum Generalbauinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt (GBI) ernannt. Während der frisch Erhöhte Anfang 1937 in der Zeitschrift Vierjahresplan für seine Kollegen die Überwindung des Ersatzstoffes Eisen für den normalen Wohnungsbau forderte und stattdessen die Rückkehr zu Backstein und Naturstein als Rohmaterialien deutscher Herkunft befürwortete, schien Bescheidenheit bei seinen eigenen Bauaufgaben ein kryptisches Fremdwort zu sein.

Kernstück von Germania sollten zwei den Innenstadtkern Berlins kreuzende Monumentalachsen, eine mit Nord-Süd die andere mit ost-westlicher Ausrichtung werden. Der Schnitt- oder Kreuzungspunkt der Achsen war vor dem Brandenburger Tor geplant. Mit den Arbeiten an der Ost-West Achse wurde im November 1937 begonnen, und ein erstes sieben Kilometer langes Teilstück konnte im April 1939 – rechtzeitig zum Geburtstag des Diktators – dem Verkehr übergeben werden. Wer also heute auf der Straße des 17.Juni in Richtung Brandenburger Tor oder umgekehrt in Richtung Siegessäule unterwegs ist, befindet sich auf einer der Monumentalachsen des geplanten Germanias. Während die Siegessäule von den Nationalsozialisten von ihrem einstigen Standort, dem Königsplatz, dem heutigen Platz der Republik, zum aktuellen Standort transferiert wurde, so stellen die Laternen beiderseits der Straße des 17. Juni großenteils Speer im Original dar.  Gemeint sind die Leuchtkörper, die wie von innen glühende Urnen wirken. Mehr als ein dezenter Hinweis auf die Nekrophilie des Regimes, wie sie einst von Erich Fromm erkannt wurde.

Aufgrund der Planungen Germanias sollten 17.000 Wohnungen abgerissen werden. Dabei war ohnehin Wohnungsmangel in Berlin zu beklagen. Die zwangsweise Ausmietung der jüdischen Bevölkerung ist dabei als eine Antwort auf die Frage zu verstehen, wie schnell neuer Wohnraum für die arische Bevölkerung beschafft werden konnte. Dafür, wie auch für die Realisierung von Arisierungsgewinnen wirkte die Pogromnacht vom November 1938 als Katalysator. Die enge Verbindung von Speer zu Goebbels und zum Propagandaministerium in diesem Zusammenhang ist unabweisbar. Doch nach dem Krieg berichtete Speer, er habe von der Kristallnacht und den folgenden schrecklichen Ereignissen nichts bemerkt.

Schlussbetrachtung

Wie ist also abseits moralischer oder juristischer Erwägungen Albert Speer als Architekt zu sehen, zu bewerten? Sein diesbezüglicher cursus honorum weist neben der hier besprochenen Tribüne in Nürnberg, einer Straße in Berlin, der Neuen Reichskanzlei ebendort, dem deutschen Ausstellungspavillon für die Weltausstellung 1937 in Paris und einigen Umbau- und Renovierungsarbeiten bei rechtem Licht besehen nicht viel mehr auf. Stattdessen sieht man einen begnadeten Produzenten vieler Pläne, Modelle, Photos und Filmaufnahmen von Dingen, die der Architekturkritiker Dieter Bartetzko Illusionen in Stein genannt hat. Seine beste, stetig wiederkehrende Pose ist die des Autofahrers, gerne im Cabrio, der eigenhändig lenkt, mithin die Hand am Steuer hat. Speer war ergo vor allem eines: PR-Manager in eigener Sache, einem Unrechtsstaat bis zum letzten Augenblick treu ergeben.

 

 

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