Buchbesprechung: „Das verlorene Paradies. Europa 1517 – 1648“ von Mark Greengrass

Seit dem April 2018 liegt die deutsche Übersetzung der englischsprachigen bereits 2014 bei Penguin Books erschienenen Originalausgabe vor, die unter dem Titel „Christendom Destroyed. Europe 1517 – 1648“ veröffentlicht worden ist. Ob für den markant abweichenden Titel die Marketingexperten der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft oder der Übersetzer aus dem Englischen Michael Haupt verantwortlich zeichnen, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. Allein, der Verfasser Mark Greengrass selbst, bis zu seiner Emeritierung an der Universität in Sheffield als Professor Neuzeitliche Geschichte lehrend, hat sich kürzlich in einem Interview einigermaßen zurückhaltend zu der Frage geäußert, ob er die Wahl des deutschsprachigen Titels als uneingeschränkt gelungen erachten würde.

Das hat nicht zuletzt mit dem Datum 1517 zu tun, mit dem sich Greengrass natürlich vorrangig auf den Anschlag der 95 Thesen am 31. Oktober durch Martin Luther an die Türen der Schlosskirche von Wittenberg bezieht und den damit eingeleiteten Startschuss für die Reformation. Abseits der Fragestellung nach der Authentizität der Handlung an sich hat das Jahr 1517 einen Stellenwert jedoch zusätzlich auf einer anderen Bedeutungsebene: als Epochengrenze. Neben der Eroberung von Byzanz 1453 durch die Osmanen und dem damit einhergehenden Ende des Oströmischen Reiches und der Entdeckung Amerikas 1492 durch den Genueser Seefahrer Christoph Kolumbus fungiert 1517 gewissermaßen als dritter Zeitpunkt, um das Mittelalter von der Neuzeit abzugrenzen. Die drei voneinander unterschiedenen Jahreszahlen sind dabei nicht als Ausdruck von irrlichternder Beliebigkeit misszuverstehen, sondern perspektivischen Reichtums, der eben über mehr als nur eine einzige Möglichkeit verfügt.

Insofern könnte die Kombination „1517″ und „verlorenes Paradies“ den falschen Eindruck hervorrufen, mit dem Ende des Spätmittelalters und dem Beginn der Frühen Neuzeit wären einstmals vorhandene paradiesische Zustände zu einem bedauernswerten Schluss gelangt. Dem war mitnichten so! Die in den späten 1340er und in den 1350er Jahren in weiten Teilen Europas grassierende Pest, der Schwarze Tod, mit weit über 20 Millionen Todesopfern und teilweise entvölkerten Landstrichen mögen hier als nur ein Beleg dafür stehen.

Berücksichtigt man, dass mit dem sogenannten Morgenländischen Schisma 1054, der Aufspaltung in eine griechisch-orthodoxe Ostkirche und eine lateinische Kirche im Westen, sowie dem sogenannten Abendländischen Schisma 1378 – 1417, einer Phase mit Papst in Rom und Gegenpäpsten in Avignon, wesentliche, die Einheit im Glauben verändernde Ereignisse vorangingen, so erstrecken sich Verständnis und Bedeutung des „verlorenen Paradieses“ bei Greengrass vor allem auf den mit der Reformation einsetzenden endgültigen Verlust der Einheitlichkeit im christlichen Glauben, seine Fragmentierung in Europa.

Es ist also eine 130 Jahre umfassende Zeitspanne des Umbruchs, die der Autor auf 780 Buchseiten umfassend in den Blick nimmt. Fünf gliedernde Abschnitte mit den Titeln Vom „silbernen Zeitalter“ zum „eisernen Jahrhundert“, Der Griff nach der Welt, Die Heimsuchung des Christentums, Christliche Staaten im Widerstreit und Christliche Staaten in Auflösung sind mit den dazugehörigen Unterkapiteln versehen und vermitteln aufschlussreiche Einsichten.

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Stadtansicht des ostwestfälischen Warburg; Kupferstich von Matthäus Merian, 1647

Ein wesentliches Merkmal des die Feudalwirtschaft ablösenden, sich etablierenden Frühkapitalismus sollte eine immer weiter ausgreifende Münzwirtschaft werden, die nicht nur auf mitteleuropäische Silberlagerstätten, sondern allmählich auf die Ressourcen der Neuen Welt zurückzugreifen begann. Bei Greengrass heißt es dazu: „Gold und Silber dienten natürlich auch als Zahlungsmittel, wobei die lokal geprägten und im Handel verwendeten Münzen sehr unterschiedlich ausfielen. In Frankreich gab es 20 Münzstätten, in Kastilien wenigstens sechs. Fast jedes italienische Fürstentum und viele deutsche Städte prägten eigene Münzen. Das geschah in Handarbeit, mit einem Hammer und einem Prägestempel. Die so geschlagenen Münzen waren unregelmäßig geformt, Gewicht und Dicke variierten von einer Münzstätte zur anderen beträchtlich. Die Betrugsmöglichkeiten waren vielfältig, indem man zum Beispiel ein bisschen Metall wegschmolz oder die Ecken beschnitt. Selbst Geldwechsler hatten Schwierigkeiten, die feinen Unterschiede in Legierung und Gewicht aufzuspüren.“ (s. S. 120) In diesem Zusammenhang nimmt es nicht Wunder, dass die Frage, ob die Erhebung von Zinsen für die Gewährung von Krediten mit dem christlichen Glauben vereinbar sei, zu einem wichtigen diskussionsleitenden Thema wurde.

Zwar waren das 16. und 17. Jahrhundert noch weiter entfernt von unserem modernen Verständnis eines Nationalstaats, vielmehr sind es Dynastien gewesen, die durch Heiratsfälle und Erbschaften sich dazu berufen sahen, die Geschicke und Staatsgeschäfte kleinerer und größerer Regionen zu bestimmen, war man jedoch so talentiert wie die Habsburger konnte man es zur Herrschaft in einer universalen Monarchie bringen.  Unter Bezugnahme auf das mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation zur Zeit Kaiser Karl V. konkurrierende Frankreich wird von Greengrass festgestellt: „Mit der Entwicklung des Fiskalstaats … konzentrierte sich der Unmut immer stärker auf die Rolle des Staates als Steuereintreiber, auf die „Neuheit“ seiner Forderungen und die Skrupellosigkeit seiner Agenten. In Südwestfrankreich war es die versuchte Einführung der gabelle (einer Salzsteuer), die einen Bauernaufstand auslöste, der 1548 seinen Höhepunkt erreichte.“  (s. S. 112) Auch die Kirche selbst war auf dem Gebiet aktiv, etwa durch Erhebung des in Naturalien oder Geld zu leistenden Zehnt, der in Form eines Heu-, Holz-, Fleisch- oder in der Vergangenheit auch Kreuzzugszehnts erhoben wurde. Bekanntermaßen sollte es ja das Aufbegehren Luthers gegen den Ablasshandel sein, das einen tiefgreifenden Sinneswandel in ihm bewirkte. So sehr man geteilter Auffassung gegenüber der Verwendung eines innovativen, das Seelenheil verkaufenden  Finanzinstruments sein kann, um die Baukosten für die Errichtung des Petersdoms in Rom in den Griff zu bekommen, so wenig ist oftmals von den Umverteilungsaspekten der Reformation die Rede. Anders bei unserem Autor. So erfährt man, dass: „Dem Protestantismus eignete mit Blick auf die Rolle von Kirche und Staat eine Art doppelte Logik. Zum einen wirkte er auf die materiellen Ressourcen der Kirche massiv ein. Wo immer die Reformation Fuß fasste, brach sie mit den etablierten kirchlichen Besitzstrukturen, die sich auf Landbesitz, Zehnteinnahmen und geistliche Abgaben gründeten. Die weltliche Obrigkeit musste keine Angst mehr haben, des Sakrilegs beschuldigt zu werden, wenn sie sich des Reichtums der Kirche bemächtigte. Schließlich hatten die protestantischen Reformer ihr ja den guten Vorwand geliefert, sie bekämpfe damit nur den kirchlichen Mißbrauch des Besitzes. 1525 versicherte Luther dem Kurfürsten von Sachsen, dass die kirchlichen Einkünfte dem Staat gehörten, abzüglich der Aufwendungen für den Klerus und die Einrichtung von Schulen und karitativen Einrichtungen. … Heinrich VIII löste die englischen Klöster auf, was der Krone zwischen 1536 und seinem Tod im Jahr 1547 etwa 1,3 Millionen Pfund einbrachte.“ (s. S. 500)

Blicken wir selbst aus unserer Gegenwart zurück bis zur Entlassung Otto von Bismarcks als Reichskanzler, dann nehmen wir denselben Zeitraum in den Fokus, den Mark Greengrass für das 16. und 17. Jahrhundert in seinen kultur- und religionsgeschichtlichen Entwicklungen sowie den wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Bezügen umfasst. Gerade auch der Dreißigjährige Krieg, dessen Auftakt mit dem Prager Fenstersturz am 23. Mai 1618 sich vor genau 400 Jahren ereignete, wird durch die minutiöse Nachzeichnung seiner Vorgeschichte sehr viel besser verständlich. Möglicherweise ist es verfrüht, sich ein abschließendes Urteil zu bilden, dennoch bin ich der Meinung, dass Mark Greengrass mit dem „Verlorenen Paradies“ ein Werk gelungen ist, dass die Messlatte für zukünftige Autoren sehr viel höher gelegt hat.

Bildnachweis©derblogger

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