Buchkritik: „Türme und Plätze“ von Niall Ferguson

Im Mai 2018 hat der Propyläen-Verlag das neueste Werk des in den USA lehrenden schottischen Historikers Niall Ferguson in der deutschen Übersetzung von Helmut Reuter vorgelegt. Der markante Titel lautet „Türme und Plätze“. Im englischsprachigen Original ist von „The Square and The Tower“ die Rede. Auf insgesamt 504 Textseiten – einschließlich eines Vor- und Nachworts – wendet sich der renommierte Rothschild-Experte in sechzig Einzelkapiteln einem Thema zu, das eine konsequente Fortsetzung seiner bisherigen Arbeiten darstellt. Es geht um Netzwerke und ihre unterschätzte, bisweilen verkannte Bedeutung innerhalb der übergeordneten Epoche, die wir mit dem Begriff Neuzeit zu belegen pflegen. Innerhalb der Geschichtswissenschaft hat sich für die Behandlung des Themas der Begriff der historischen Netzwerkforschung herausgebildet.

In den Kapiteln zwei bis neun widmet sich Ferguson erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, wie sie zuerst vom Schweizer Mathematiker Leonhard Euler, einem Schüler von Bernoulli, ab 1735 entwickelt wurden. In Eulers Sprache der Netzwerktheorie ist von Knoten und Kanten die Rede, wobei die Kanten als Verbindungen zwischen den Knoten fungieren. Vereinfacht ausgedrückt und auf ein gänzlich anderes Fachgebiet übertragen: Durch ein komplexes System von Punkten und Linien, eben dem Netzwerk, können wir Rückschlüsse auf Beziehungsgeflechte und die ihnen innewohnende Intensität, Abhängigkeiten, Informationsflüsse, Hierarchien und Kommunikation innerhalb definierter und offener Personenkreise ziehen. Informelle Netzwerke, die unter- beziehungsweise außerhalb der Ebene existieren, in der staatliche Akteure oder Organisationen wie Bürokratien, Armeen, Großunternehmen ihre Funktionen wahrnehmen, können non-hierarchisch aufgebaut sein.

Fergusons zugrunde liegender Ansatz kommt darin zum Ausdruck, indem er äußert (S. 35f.): „Tatsächlich geht ein großer Teil der eben skizzierten Debatte davon aus, dass soziale Netzwerke ein neues Phänomen sind und dass ihre heutige Allgegenwart beispiellos ist. Das ist falsch. Selbst wenn wir ständig über sie reden, ist es in Wahrheit so, dass die meisten von uns nur ein sehr beschränktes Verständnis davon haben, wie Netzwerke funktionieren, und fast nichts darüber wissen, wo sie herkommen. Wir übersehen weitgehend, wie sehr sie in der Natur verbreitet sind, welche Schlüsselrolle sie in unserer Evolution als Spezies gespielt haben und wie sehr sie ein integraler Bestandteil der Geschichte des Menschen gewesen sind.“ Ein klares und eindeutiges Bekenntnis gegen Ahistorizität mithin.

Herrscher und Entdecker

Im iberischen Zeitalter der Entdeckungen des 15. Jahrhunderts wird der allmähliche Beginn des Ablösens seit Jahrhunderten etablierter geistlicher Hierarchien erkannt. Waren sie es doch schließlich, die vorgaben, was die Menschen Europas zu glauben und zu wissen hatten, und zwar das ganze Mittelalter hindurch. Wissen und Bildung konnte in Klosterbibliotheken und von den dazugehörigen schriftkundigen, im Gegensatz zum Gros der Bevölkerung alphabetisierten Klerikern nahezu monopolisiert werden. Neuartig war nun, dass „obwohl vom König finanziert, bildeten die Entdecker ihrerseits ein soziales Netzwerk und teilten ihre Kenntnisse in Schiffbau, Navigation, Geografie und Kriegführung. Wie so oft in der Geschichte waren es neue Technologien, die diese Netzwerke entstehen ließen, während die Netzwerke ihrerseits das Tempo der Innovationen beschleunigten. Bessere Schiffe, bessere Astrolabien, bessere Karten und bessere Kanonen trugen allesamt zu den atemberaubenden Errungenschaften des Zeitalters der Entdeckungen bei.“ (S. 99)

Damit gewinnt aus meiner Sicht ein Erklärungsansatz wie er bezüglich der Frage, warum das westliche Europa zu jener Zeit ansetzte, das zivilisatorisch überlegene China der Ming-Dynastie zu überholen, einen zusätzlichen Deutungsaspekt. Paul Kennedy etwa hat 1987 in „The Rise and Fall of the Great Powers“ die maritime militärtechnologische Überlegenheit durch wirkungsvollen Einsatz von Schiffsartillerie hervorgehoben, Ferguson erweitert ihn um die vernetzten Milieus der Entdecker.

Zeitlich parallel erleben wir um das Jahr 1450 herum die Einrichtung der ersten Druckerpresse in Mainz durch Johannes Gutenberg. Der Druck mit beweglichen Lettern sollte sich rasch in Europa verbreiten. In Venedig konnte etwa Luca Paciolis wegweisendes Werk Summa de arithmetica, geometria, proportioni et proportionalita bereits 1494 erscheinen. Unter anderem wurden hier die Vorzüge der doppelten Buchführung erläutert, was erhebliche ökonomische Folgen nach sich ziehen sollte. Als Langzeitwirkung sollte der Preisverfall von Büchern zwischen 1450 und 1500 um zwei Drittel wichtig werden. Auch Martin Luther und die Reformation wären ohne die Kunst des Buchdrucks nicht denkbar gewesen. Zum Zeitpunkt seiner Verurteilung als Ketzer durch das Edikt von Worms 1521 waren seine Schriften im deutschsprachigen Europa bereits weit verbreitet.

Briefe und Logen

Damit sind nach Auffassung von Ferguson wichtige Voraussetzungen gegeben, die schlussendlich im ultimativen Umsturz säkularer Hierarchien im Verlauf der amerikanischen und französischen Revolution im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts einen vollständig unerwarteten Verlauf genommen haben. Inwieweit haben Netzwerke dazu beitragen können?

Wissenschaftliche Revolution und Aufklärung sind durch Weitergabe von Ideen von einem Gelehrten zum anderen, Fortschritte in Naturwissenschaft und Philosophie derart ermöglicht worden. Innerhalb heutiger Rekonstruktionsversuche der Vergangenheit ist es hilfreich, dass „Korrespondenz-Netzwerke ermöglichen uns einen tieferen Einblick in die Entwicklung der wissenschaftlichen Revolution. Ismael Boulliau war ein französischer Astronom und Mathematiker, der sich auch für Geschichte, Theologie und Klassische Philologie interessierte. Seine Korrespondenz war umfangreich: 4200 Briefe für die Jahre 1632 bis 1693 und noch 800 weitere (an ihn oder von ihm), die nicht in der Collection Boulliau enthalten sind. Sie war auch umfassend und erstreckte sich weit über Frankreich hinaus nach Holland, Italien, Polen, Skandinavien und den Nahen Osten.“ (S. 126f.) Das ist eine, wenn auch sehr wichtige Seite der Medaille, da „Korrespondenz-Netzwerke erzählen selbstverständlich nur einen Teil der Geschichte der Aufklärung. Wer Voltaire, Rousseau oder d′Alembert kannte, wollte ihnen nicht nur schreiben, sondern sie auch treffen. Es war auch eine „Republik der Salons“, was die wichtige Makler-Rolle der salonnières erklärt, jener Frauen, deren Wohnungen zu Zentren geselligen Austauschs wurden und deren Einladungen bei aufstrebenden Intellektuellen begehrt waren.“ (S. 134)

Was folgte, sind die bekannten Tatsachen einer geglückten Staatsgründung auf republikanischer Grundlage westlich des Atlantiks. Die Rolle, die dabei jemand wie Paul Revere in der Vorbereitung einnahm, kann nach Ferguson gar nicht überschätzt werden. „Die Netzwerkanalyse zeigt also, dass Paul Revere die eine Hälfte eines Duos war, das die Klassenspaltung zwischen Handwerkern und gehobenen Berufen im revolutionären Massachusetts überspannte. Doch diese Analyse, wie instruktiv sie auch sein mag, lässt nicht erkennen, welche der Vereinigungen, denen Revere und Warren angehörten, die größte Bedeutung hatte. Eine plausible Vermutung lautet, dass die Freimaurerei das entscheidende Netzwerk der Amerikanischen Revolution gewesen sei.“ (S. 143)

Andererseits ein gleichfalls revolutionäres Frankreich, das allerdings während der Herrschaft des terreur in Anarchie versinken sollte, bevor Napoleon seine ordnende Hand nicht nur über ganz Gallien, sondern weite Teile Europas gelegt hat.

Vor diesem Hintergrund stellt der 1815 zum Abschluss gekommene Wiener Kongress den erfolgreichen Versuch dar, die alten Hierarchien zu restaurieren. Das vorrangig dem österreichischen Außenminister Fürst Metternich zugeschriebene System des Gleichgewichts der europäischen Mächte Russland, Britannien, Österreich, Preußen und Frankreich – bekannt als Pentarchie – war imstande Konflikte der damaligen Großmächte untereinander soweit zu entschärfen, als dass für die kommenden hundert Jahre der große europäische Krieg vermieden werden konnte. Ein wichtiges Hilfsmittel dabei, die Einrichtung der Monarchie mit neuer Legitimität auszustatten, war das familiäre Netzwerk des Hauses Sachsen-Coburg-Gotha, aus ihm sollte auch Königin Viktoria hervorgehen, das fast überall in Europa die royalen Schalthebel von Repräsentation und Machtausübung bediente.

Wo auch immer Schuld oder Verantwortlichkeit zu suchen sein mag, ob im Sinne der Argumentation Fritz Fischers der Griff nach der Weltmacht das Deutsche Reich als hauptverantwortlich ansieht oder im Sinne von Christopher Clark Schlafwandler gemeinsam in die Katastrophe schlitterten, das System der familiären Adelsnetzwerke des 19. Jahrhunderts funktionierte 1914 nicht mehr.

20. Jahrhundert und Gegenwart

Ein Ergebnis der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts war die Bildung der Sowjetunion auf der Grundlage marxistisch-leninistischer Vorstellungen wie die Formation faschistischer Staaten, denen eine kleiner werdende Anzahl parlamentarischer Demokratien gegenüberstand. Die Weltwirtschaftskrise in den späten 1920ern sollte zu einer Verschärfung der Lage beitragen.

Was hat damit eine Gruppe von Studenten, privilegiert genug um am Trinity College in Cambridge ihren universitären Abschlüssen entgegenzustreben, zu tun? „Alle fünf  gehörten einem Netzwerk an, das sich viel auf seine Exklusivität einbildete. Doch dieses Elitenetzwerk ließ zu, vom russischen Geheimdienst so massiv durchsetzt zu werden, dass fünf seiner Mitglieder mehr als ein Jahrzehnt lang die wertvollsten Trümpfe des sowjetischen Auslandsgeheimdienstes waren, die unzählige Geheimnisse – und Agenten des Westens – an Stalin verrieten.“ (S. 283)

Anthony Blunt, Guy Burgess, John Cairncross, Donald Maclean und Kim Philby sind die Namen des als Cambridge Five bekannt gewordenen Spionagenetzwerks fataler Berühmtheit. Ihre Anwerber ließen ihnen viele Jahre Zeit zur persönlichen Entfaltung und zum Erklimmen hoher Ämter im Staatsdienst. Cairncross und Maclean arbeiteten für das Außenministerium und hatten Kontakt und Informationszugang in Bletchley Park, Burgess und Philby beim britischen Geheimdienst, wobei der nach einer Romanfigur von Kipling so genannte „Kim“ Philby als Chef der Sektion IX für sowjetische und kommunistische Gegenspionage zuständig war. Blunt sollte nach dem 2. Weltkrieg ein international hochangesehener Kunsthistoriker und zeitweise Direktor der königlichen Gemäldegalerie (Queen´s Gallery) werden.

Wie tief diese Vorgänge ins Bewusstsein einer breiteren britischen Öffentlichkeit eingedrungen sind, ist nicht leicht zu ermessen. Dass sie es sind, worüber unser Autor allerdings nichts mitteilt, kann man an der zentralen Bedeutung ablesen, die sie im Romanwerk von John le Carré einnehmen. Die Eröffnung der Karla-Trilogie, 1974 unter dem Titel Tinker, Tailor, Soldier, Spy erschienen – seitdem mehrfach verfilmt mit Alec Guinness und Gary Oldman in der Rolle des George Smiley – ist die literarische Auseinandersetzung mit der beängstigenden Frage, wer aus dem innersten Kreis der Upper Class uns an den Feind verraten hat. Jemand aus Oxbridge kann es auf keinen Fall gewesen sein, lautete das Mantra.

Die Cambridge Five sind natürlich enttarnt worden. Burgess, Cairncross und Philby flohen ins sowjetische Arbeiter- und Bauernparadies, während sich der zwischenzeitlich mit der Ritterwürde versehene Sir Anthony Blunt Anfang der 1960er Jahre einer Befragung durch die Dienste zu stellen hatte. Die verhängte Strafe für Blunt aus dem eingestandenen Verrat an König, Volk und Vaterland bestand in dem mutmaßlich zu verschmerzenden Verlust der Ritterwürde. Seine Akte stand für die annähernd nächsten zwanzig Jahre unter Verschluss.

Beim Blick in die Gegenwart, den Niall Ferguson in Kapitel 59 unter der Überschrift FANG, BAT und EU wagt, zeigt sich der Autor wenig optimistisch für die Alte Welt. FANG und BAT sind Akronyme, die für die US-amerikanischen Firmen Facebook, Amazon, Netflix und Google und ihre chinesischen Pendants Baidu, Alibaba und Tencent stehen. „Es gilt drei wesentliche Punkte im Hinblick auf die IT-Revolution zu verstehen. Erstens war sie fast vollständig eine in den USA angesiedelte Errungenschaft, wenn auch mit Beiträgen von Computerwissenschaftlern, die aus der ganzen Welt ins Silicon Valley strömten, und von Herstellern in Asien, die die Kosten für die Hardware drückten. Zweitens sind die wichtigsten der US-Technologiefirmen heute überaus dominant. Drittens verwandelt sich diese Dominanz, wie wir gesehen haben, in riesige Geldbeträge. Angesichts der amerikanischen Netzwerkrevolution hatte der Rest der Welt zwei Optionen: kapitulieren und regulieren oder ausschließen und konkurrieren. Die Europäer wählten Ersteres. Nach einer europäischen Suchmaschine, einem europäischen Online-Händler oder einem europäischen sozialen Netzwerk wird man vergebens suchen.“ (S. 481f.)

Chinas Situation in diesem Zusammenhang ist dagegen eine gänzlich andere: „Gleichzeitig scheint Chinas Führung hinsichtlich der „Netcraft“ sehr viel versierter zu sein als ihr amerikanisches Pendant. Während die transpazifische Partnerschaft wahrscheinlich erlöscht, weil die Trump-Administration ihre Unterstützung aufkündigt, ziehen chinesische Initiativen wie „Ein Band, eine Straße“ (Neue Seidenstraße) und die Asiatische Infrastruktur-Investmentbank ständig neue Teilnehmer an.“ (S. 487)

Fazit

Ferguson und seine „Türme und Plätze“ sprühen vor Ideenreichtum. Prägnanz im Ausdruck und sprachliche Überzeugungskraft runden das überaus positive Gesamtbild ab. Meine Empfehlung: unbedingt lesenswert.

 

 

 

 

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