Buchbesprechung: „Hitlers Hofstaat“ von Heike B. Görtemaker

Im März 2019 ist im Verlag C. H. Beck ein wichtiges neues Werk der Historikerin Heike B. Görtemaker im Gesamtumfang von 528 Seiten erschienen. Der Titel „Hitlers Hofstaat“ verortet es thematisch in der Zeit des Nationalsozialismus, der Untertitel „Der innere Kreis im Dritten Reich und danach“ weist darauf hin, dass die Jahre nach 1945 ebenso in den Blick genommen werden.

Die Autorin, die bereits vor einigen Jahren mit einer wegweisenden Arbeit über Eva Braun als sachkundige Expertin der dunkelsten Jahre deutscher Geschichte in Erscheinung getreten ist, hatte im Vorwege zur aktuellen Publikation die Möglichkeit, mehrere Privatarchive zu sichten. Das zweifelsohne bedeutsamste von ihnen ist dasjenige Claus Dirk von Belows gewesen. Darin zu finden: Briefe, Notizbücher, Aufzeichnungen und Berichte sowie weitere bislang unveröffentlichte Materialien, die vom Vater Claus Dirk von Belows, Nicolaus, angefertigt worden sind. Doch wer war Nicolaus Freiherr von Below?

Aus altem mecklenburg-pommerschen Adelsgeschlecht, das seine Wurzeln bis ins späte 12. Jahrhundert zurückverfolgen kann, entstammend, ist Nicolaus von Below in den Jahren 1937 bis 1945 Luftwaffenadjutant von Adolf Hitler im Dienstgrad eines Oberst gewesen. Die unmittelbare Nähe zum seit 1933 als Reichskanzler amtierenden Führer“ wird daran deutlich, dass Hitlers privates Testament vom 29. April 1945 neben den Unterschriften von Joseph Goebbels und Martin Bormann ebenfalls die Unterschrift Nicolaus von Belows in der Eigenschaft als Zeuge aufweist. Während Hitler, Goebbels und Bormann kurz darauf in den Trümmern der brennenden und vom Geschoßhagel der sowjetrussischen Artillerie erschütterten Reichshauptstadt ihr Ende fanden, gelang es dem Adjutanten aus dem Bunker der Neuen Reichskanzlei durch die feindlichen Linien hindurch nach Norddeutschland zu entkommen.

Die Geschichte der besonderen Beziehung, der persönlichen Nähe des jungen Luftwaffenoffiziers zum bereits fest etablierten Diktator begann laut Heike Görtemaker (s. S. 213f.) damit, dass von Below Mitte Juni 1937 vom Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, zu Hitler versetzt und diesem direkt unterstellt wurde. Der begeisterte Nationalsozialist erfüllte seine Dienstpflichten offenbar zur vollsten Zufriedenheit, denn schon bald standen für ihn und seine Ehefrau Maria von Below Einladungen nach Bayreuth und zu Staatsdiners in der Reichskanzlei mit auf dem Programm. Weilte man auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, so waren die von Belows in einem an den Berghof angrenzenden Nebengebäude untergebracht. Als ein weiterer Beleg für die gewährte Vertrauensstellung und die Gunst, die geschenkt wurde, erscheint der Versuch des mächtigen Hermann Göring sich als Nachfolger für den im Februar 1938 abgesetzten Reichskriegsminister Werner von Blomberg anzuempfehlen (s. S. 220). Als Adressaten und Vermittler seines Ansinnens wählte er keinen anderen als seinen alten Untergebenen von Below.

Wie nur eine Schwalbe keinen Sommer macht, so berechtigt ein gut recherchierter Einzelfall gewiß nicht dazu sogleich von einem inneren Kreis, einem inner circle des Dritten Reichs zu sprechen. Hat es ihn überhaupt gegeben und falls ja, wer hat dann dazu gehört? Und wenn es ihn gegeben haben sollte, warum ist es dann im Strom der bis heute immer weiter angewachsenen biographischen Literatur und Forschungsarbeit zu Einschätzungen wie der von Joachim C. Fest oder Ian Kershaw gekommen? Fest urteilte in diesem Zusammenhang über Hitler: „Seine soziale Beziehungslosigkeit war nur die Kehrseite dieses mythologisierenden Blicks auf sich selber. Je höher er stieg, desto mehr weitete sich der menschenleere Raum um ihn herum. Konsequenter als je zuvor entzog er sich allen Kontaktversuchen Alter Kämpfer und ihrem quälenden Anspruch auf persönliche Nähe.(…) Es ist nur ein anderer Aspekt des gleichen sozialen Verarmungsvorgangs, daß in seiner Gegenwart kein Gespräch möglich war: entweder, so ist verschiedentlich bezeugt, sprach Hitler, und alle anderen hörten zu; oder alle anderen unterhielten sich, und Hitler saß gedankenverloren dabei, apathisch, abgeriegelt gegenüber der Umwelt, ohne die Augen aufzuschlagen…(s. Joachim C. Fest, Hitler, Berlin 1973, S. 714f.) Mehr als ein Vierteljahrhundert später gelangte Ian Kershaw zu der Schlussfolgerung: „Selbst unter jenen, die täglich mit Hitler zusammentrafen, den Angehörigen der gewöhnlichen Entourage von Adjutanten und Sekretärinnen und jenen, die unbegrenzt privilegierten Zugang zu ihm hatten, konnten nur wenige behaupten, Hitler zu kennen“, also in die Nähe des menschlichen Wesens gelangt zu sein, das sich unter der Hülle der Führergestalt verbarg. Hitler selbst legte großen Wert darauf, Distanz zu halten.“ (s. Ian Kershaw, Hitler 1936-1945, Stuttgart 2000, S. 66) Hat der Rückgriff beider Biographen auf apologetische Erinnerungsliteratur, wie sie insbesondere vom ehemaligen Rüstungsminister und Generalbauinspektor für die Neugestaltung der Reichshauptstadt (GBI) Albert Speer mit seinen Erinnerungen 1969 und den Spandauer Tagebüchern 1975 veröffentlicht wurde, möglicherweise den Blick in eine andere Richtung verstellt? Dass Speer als historische Quelle nur sehr bedingt tauglich ist, da notorisch die Realität in eine faktisch unrichtige, dabei stets ihm selbst günstige Richtung verschiebend, hat 2017 Magnus Brechtken in „Albert Speer. Eine Deutsche Karriere“ eindrücklich belegt. Heike Görtemaker dagegen weist unter Berufung auf die erst 2002 veröffentlichten Memoiren der Sekretärin Traudl Junge für die letzten Tage im Bunker im April 1945 auf die von Eva Braun – den eigenen Tod vor Augen – gestellten Fragen hin, „(W)arum ist Brandt nicht hier?“, habe sie Hitler gefragt, erinnerte sich später Gertraud Junge. Und über Speer: „Er war doch dein Freund.“ (s. S.33)

Der innere Kreis

Zusammengekommen ist man vorwiegend auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden, wohin sich der Diktator tage-, wochen- sogar monatelang zurückzog, um der hektischen Betriebsamkeit Berlins zu entgehen. Vor Ort begann 1934/35 eine massive Umgestaltung des Terrains, die ihren Ausdruck sowohl in der Androhung von Zwangsenteignungen bisher hier lebender Menschen fand als auch im Umbau des Landhauses Wachenfeld zum Führerdomizil Berghof. Fast 2400 Arbeiter waren im Hoch-, Tief- und Brückenbau und nicht zuletzt beim Bau eines Schneepflugplatzes beschäftigt. Im Juli 1936 umfasste das Areal, das durch einen vierzehn Kilometer langen äußeren Zaun abgeriegelt war, mehr als sieben Quadratkilometer (s. S. 170) Bewacht wurde das „Führersperrgebiet“ von SS und Reichssicherheitsdienst (RSD), um die neugierige Öffentlichkeit und Schaulustige auf gebührenden Abstand zu halten.

Die Historikerin Görtemaker teilt am Beispiel der Ehefrau des eingangs vorgestellten Luftwaffenadjutanten mit, zu welchen Wahrnehmungen man als Gast innerhalb der Berghofzone gelangen konnte: „Maria von Below, aufgewachsen auf dem Landgut ihrer Eltern in Nienhagen bei Halberstadt, erklärte dazu später, das Domizil Hitlers auf dem Berg sei für sie damals „ein Stück Heimat“ gewesen – allerdings immer in dem Bewusstsein, dass über die Geschehnisse dort „nichts nach aussen“  berichtet werden durfte. Ihre privaten, nie veröffentlichten Aufzeichnungen aus dem Jahr 1986, in denen der Versuch einer nachträglichen Sinngebung gar nicht erst unternommen wurde, lesen sich daher wie eine verspätete Gegendarstellung zu den Erinnerungen Speers. Sie habe aufschreiben wollen, was man nicht mehr zu erzählen wage, erklärte sie und schilderte unter völliger Ausblendung der NS-Verbrechen und des Krieges die Zugehörigkeit zum Obersalzbergkreis seit 1938 als ihren biographischen Höhepunkt: mittags die offizielle Begrüßung durch Hitler, dann die vergnügliche Tischordnung, die harmonischen Aufenthalte im Teehaus bei Apfelkuchen und Schokolade, Kino, klassische Musik, Kissenschlachten auf der langen Polsterbank in der Großen Halle und  „unendliche Kaminabende“, an denen sie mehr gelernt habe als im Internat. Von Eintönigkeit, Leere oder Langeweile, wie bei Speer, war bei ihr nicht die Rede, im Gegenteil.(…)Nur wenn Staatsgäste oder Journalisten eintrafen, mussten alle, die nicht in das von der NS-Propaganda verbreitete Bild vom einsamen „Führer“ passten, unsichtbar bleiben.“ (s. S. 214f.)

Neben den von Belows haben Albert und Margarete Speer und Karl und Anni Brandt mit Sicherheit zum inneren Kreis dazugehört. Karl Brandt, SS-Angehöriger wie Albert Speer, ist der verantwortliche Mediziner des Euthanasie-Programms gewesen, in dessen Verlauf mehr als 300.000 Behinderte der in Gang gesetzten Mord-Maschinerie zum Opfer fielen. Im Ärzte-Prozeß nach dem II. Weltkrieg ist er zum Tode verurteilt worden. Das Urteil wurde vollstreckt. Weiterhin waren Reichspressechef Otto Dietrich nebst Ehefrau Almut beim inner circle dabei, wie auch Joseph Goebbels und Magda Goebbels, geschiedene Quandt, nicht fehlten. Von der Parteielite gehörten selbstverständlich Martin und Gerda Bormann dazu, während Ilse Heß spätestens nach dem Englandflug ihres Ehemannes Rudolf persona non grata war. Eva Braun und ihre Schwestern waren dabei, ihr alter Arbeitgeber und jahrelange Leibfotograph des Führers Heinrich Hoffmann nebst Familienmitgliedern natürlich auch. Die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen und um weitere Personen ergänzen.

Fazit

Heike Görtemaker gelingt in „Hitlers Hofstaat“ eine beeindruckende Dekonstruktion des inszenierten „Einsamkeitsmythos“, der gegenwärtig immer noch – selbst in der Fachwissenschaft – das Bild auf den Diktator prägt. Man darf gespannt sein, ich jedenfalls bin es, welche Aufnahme „Hitlers Hofstaat“ bei der interessierten Öffentlichkeit finden wird.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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