Auf eine derart präzise gestellte Frage sollte man eigentlich eine ebenso eindeutige, ohne weitere Umschweife gegebene Antwort erwarten dürfen. Doch das hieße weder den im jeweiligen Einzelfall sich abzeichnenden wirtschaftshistorischen Besonderheiten noch der allgemeinen Entwicklung dieser speziellen Form von Finanzdienstleister angemessen Rechnung zu tragen.
Wobei heutzutage gänzlich unstrittig ist, dass Börsen dafür da sind, um Käufer und Verkäufer durch Bereitstellen einer zeitgemäßen Infrastruktur zusammenzubringen, also regelkonformen Handel im Sinne eines regulierten Marktplatzes zu ermöglichen. Die Transaktionen selbst erstrecken sich dabei auf zwei grundsätzlich voneinander getrennte Bereiche. Einerseits diejenigen mit Naturprodukten / Rohstoffen wie agrarischen Erzeugnissen (Weizen, Kaffee, Orangensaft u. ä.), Energie (Öl, Gas) und Metalle (Gold, Silber, Kupfer usw.). Andererseits – und von den genannten Rohstoffen geschieden – stehen standardisierte Finanzinstrumente zur Debatte. Also Aktien, Anleihen, Fonds/ETFs sowie Derivate. Für die letztgenannten Handelsobjekte stehen Wertpapierbörsen zur Verfügung, für die ersteren die Warenbörsen.
Allerdings gilt es zu beachten: Auch Rohstoffe können zu Finanzinstrumenten werden, und zwar sobald sie nicht mehr nur als physische Ware genutzt, sondern durch Finanzderivate und verbriefte Produkte handelbar gemacht werden. Geht es dabei um Derivate, kommt mit den Warenterminbörsen ein weiterer Player hinzu. Insofern zeigt sich, dass diesem Thema in seiner Gesamtheit ein gewisses Maß an (historisch gewachsener) Uneinheitlichkeit immanent ist.
Blick nach Italien
Eigentlich ist es nicht weiter verwunderlich, dass die ökonomisch während des Hoch- und Spätmittelalters am meisten prosperierende Region Europas unweigerlich in den Fokus gerät, sobald es um Fragen der Entstehung bank- und börsenähnlicher Geschäfte geht. Die Rede ist von der Toskana, insbesondere von der unweit Pisa gelegenen Stadt Lucca. Bereits 1111 sind hier vor Ort im Hof der Kathedrale (s. Abb. 1) Geldwechsler und Gewürzhändler nebst sie unterstützenden Notaren zusammengekommen. Gewürze sind dabei als seinerzeit überaus attraktives Handelsgut anzusehen, das über die verschiedenen Stränge der Seidenstraße oder arabische Händler auf dem Seeweg aus Südostasien an die Küste der Levante verbracht wurde. Von dort übernahmen dann Schiffe aus Pisa, Genua und Venedig, um den lukrativen Weitertransport nach Italien zu besorgen. Von der eine Verteilerfunktion für weitere Bereiche des westlichen Europas einnehmenden Apenninenhalbinsel aus hat die begehrte Ware ihre Wege dorthin gefunden, wo man glaubte sie zur Verfeinerung von Gaumenfreuden zu benötigen.

Doch worin mag der entscheidende Vorteil der Luccaner Warenbörse gegenüber dem gewöhnlichen, schon seit längerem etablierten Handel bestanden haben? Wohl am ehesten aufgrund folgender drei Faktoren: 1. höhere Preistransparenz; 2. konzentrierte Liquidität; 3. günstigere Transaktionskosten. Dergestalt wurde dem Bedürfnis Rechnung getragen, den Güterhandel durch Standardisierung und feste Treffpunkte effizienter zu gestalten.
Ähnliche Erscheinungen lassen sich in den beiden folgenden Jahrhunderten auch in anderen norditalienischen Geschäftszentren wie Florenz, Genua und Venedig beobachten. Von einer umfassenderen Börsengängigkeit einer Vielzahl von Produkten, Wertpapieren oder Devisen konnte jedoch noch keine Rede sein. Insofern lassen sich vor Entwicklung und verbreiteter Handhabung des Wechsels (lettera di cambio) ab dem 13. Jahrhundert sämtliche einschlägige Aktivitäten dem Typus der Warenbörse zuordnen. Die Handels- oder Wertpapierbörse dagegen ist historisch erst jüngeren Datums.
Brügge
Soweit mir bekannt, ist die erste ausführlichere schriftliche Erwähnung der Börse in Brügge den im 15. Jahrhundert verfassten Reisetagebüchern des aus Nürnberg stammenden Arztes Hieronymus Muenze zu verdanken, der in einem dem Gasthaus „Ter Buerse“ (s. Abb. 2) benachbarten Gebäude vorübergehend Unterkunft bezogen hat. Über seine Umgebung wusste er zu berichten: „Es gibt in Brügge einen Platz, auf dem sich die Kaufleute treffen, den man „De Beurs“ nennt. Dort kommen Spanier, Italiener, Engländer, Deutsche, Orientalen, kurzum, alle Nationen zusammen.“
Der ursprünglichen Wortbedeutung nach ist es also nicht um Aktivitäten innerhalb eines überdachten geschlossenen Raumes gegangen, sondern um Vorgänge auf einem vorgelagerten Platz, dem offenbar seit 1409 wohl nahezu tagtäglich von Kaufleuten genutzten Brügger Börsenplatz. Hauptsächlich kursierten hier wirtschaftlich relevante Nachrichten aus ganz Europa, es wurden die aktuell gültigen Wechselkurse notiert und aufgezeichnet, mit Wechseln – Finanzinstrumenten, die Brügge in den Stand der weltweit ersten Wertpapierbörse erheben – als schriftlich fixierten Zahlungsanweisungen sowie mit vorzugsweise nicht vor Ort vorhandenen Waren gehandelt. Aktien spielten noch keine Rolle, da erst seit 1602 mit der Gründung der niederländischen Vereinigten Ostindischen Compagnie (VOC) frei verfügbar; allerdings erst nach Ablauf einer zehnjährigen Haltefrist. Diese Gesellschaft gab Anteilscheine aus, um das hohe Risiko des Überseehandels auf viele Schultern zu verteilen.

Doch Brügges große Zeit näherte sich im selben Jahrhundert ihrem Ende. Ablösung war in Sicht.
Antwerpen
Ab dem späten 15. Jahrhundert verlandete der Meeresarm Zwin, der Brügge auf natürlichem Wege mit der Küste verband. Dadurch konnten Handelsschiffe den Hafen nicht mehr anlaufen, was die Stadt zunehmend vom internationalen Handel abschnitt. In die Bresche sprang unverzüglich das nur rund 80 Kilometer Luftlinie entfernte, in der Gegenwart über den nach Rotterdam zweitgrößten Hafen Europas verfügende Antwerpen.
Etwas grundsätzliches Neues bahnte sich damit an. Die inzwischen gestiegene Bedeutung der Institution Börse hat ihren sichtbaren Ausdruck darin gefunden, dass nunmehr erstmals ein festes Gebäude einen der Wichtigkeit des Tuns angemessenen seriöseren Rahmen bot, als es die aus früheren Jahren gewohnten windumtosten innerstädtischen freien Plätze zu tun vermochten.


Die in Antwerpen eingeleitete bauliche Entwicklung sollte Vorbildfunktion für die Standorte London und Amsterdam entfalten.
London
Wachsende politische Turbulenzen auf dem europäischen Festland ließen aus englischer Sicht den Handel an den dortigen Börsenplätzen immer schwieriger erscheinen. Abhilfe war durch baldige Schaffung entsprechender heimischer Institutionen zu schaffen. Dem königlichen Finanzberater und arrivierten Kaufmann Thomas Gresham, der treibenden Kraft hinter der Gründung der Londoner Royal Exchange, schwebte daher die Errichtung eines Gebäudes im Stil der Börse von Antwerpen (s. o.) mit Arkaden gesäumten viereckigem Innenhof vor. Folgerichtig hatte ein flämischer Architekt die Bauleitung inne, so dass bereits im Januar 1571 von Königin Elisabeth I. die feierliche Eröffnung vorgenommen werden konnte.
Im Gegensatz zu den Börsenplätzen Brügge und Antwerpen, wo es zu einer Vermischung des Handels sowohl mit Waren als auch mit Finanzinstrumenten gekommen ist, gilt die Londoner Börse als erste ausschließliche Wertpapierbörse im modernen Sinne. Aktien in den Anfangsjahrzehnten einmal ausgeklammert, denn die harrten noch ihrer Erfindung.

Nach gleich mehreren feuerbedingten Wiederaufbauvorhaben wird die alte Heimat der Royal Exchange in London heute als exklusives Einkaufszentrum, gehobener Gastronomiebereich und Bürostandort genutzt.
Amsterdam
Wendet man sich abschließend dem Finanzplatz Amsterdam zu, so ist darin nicht zuletzt eine Referenz gegenüber dem Goldenen Zeitalter der Niederlande (niederl.: de Gouden Eeuw) enthalten, jener von den 1580er bis zu den 1670 Jahren andauernden Phase insbesondere maritimer Überlegenheit auf sämtlichen Weltmeeren. Der bedeutende, aus Groningen stammende Kulturhistoriker Johan Huizinga hat auf diesen Topos zwar abschwächend reagiert, was an seiner folgenden Einschätzung aber nichts änderte: „Es ist der Name des Goldenden Zeitalters selbst, der nichts taugt. Er riecht nach jener aurea aetas der Antike, jenem mythologischen Schlaraffenland, das uns schon als Schulbuben bei Ovid leicht gelangweilt hat. Wenn unsre Blütezeit einen Namen haben soll, so nenne man sie nach Holz und Stahl, Pech und Teer, Farbe und Tinte, Wagemut und Frömmigkeit, Geist und Phantasie.“

Im Ergebnis ist jedenfalls der Primat des Fortschritts, auch und gerade ökonomischer Natur, für den im Spätmittelalter das norditalienische Städtewesen Pate stand, längst in der Frühen Neuzeit nach Nordwesteuropa gewandert, und zwar vor allem in die Niederlande. Wo wir im Jahr 1637 mit dem Platzen der Blase, die als Tulpenmanie traurige Berühmtheit erlangt hat, Zeuge der ersten veritablen Spekulationskrise der Wirtschaftsgeschichte werden.
Und einige Jahre nach Errichtung des ersten Amsterdamer Börsengebäudes (s. Abb. 6) ab 1623 erleben, wie die dortige Warenbörse zur sich nicht nur auf den Effektenhandel mit sonstigen Wertpapieren, sondern erstmals auch Aktien in den Fokus nehmenden Wertpapierbörse erweitert. Zu danken ist dies der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Dem ersten börsennotierten Unternehmen der Welt, das somit in die Lage versetzt worden ist, den bestehenden enormen Kapitalbedarf auf neuartige Weise zu bewerkstelligen und zu sichern.
Ich hoffe, überzeugend dargelegt zu haben, dass es – historisch betrachtet – immer Mischformen der verschiedenen Varianten der Börse gegeben hat.
Bildnachweis © Holger Uwe Schmitt, CC BY-SA 4.0, unverändert; 2 Chivista, CC BY-SA 3.0, unverändert; 3 Pieter van der Borcht – University Library of Antwerp: Special Collections, CCO, unverändert; 4 Qwertzu111111, CC BY-SA 4.0, unverändert; 5 Wenceslaus Hollar, CCO, unverändert; 6 Claes Jansz. Visscher, gemeinfrei, unverändert;