Wien, Aufbruch der Kunst in die Moderne

•Der Zeit ihre Kunst•

•Der Kunst ihre Freiheit•

Als diese Inschrift oberhalb des Eingangsportals des Wiener Secessionsgebäudes, entstanden nach Plänen des Architekten Joseph Maria Olbrich, 1897/98 angebracht wurde, da herrschte immer noch Kaiser Franz Joseph I. über seine vielen Völker. Wie hoffnungsfroh waren die Menschen als im Jahr 1848 ein Achtzehnjähriger, besagter Franz Joseph, sich anschickte das Zepter des Habsburgerreiches zu übernehmen. Als sein Lebenslicht 1916 schließlich erlosch, da war an Wegstrecke innerhalb jenes fürchterlichen Geschehens, das wir mit dem Begriff „1. Weltkrieg“ zu belegen pflegen, erst die Hälfte zurückgelegt. An seinem Ende war die Monarchie keine Monarchie mehr, und als bescheidene Fortsetzung imperialen Seins enstand die Alpenrepublik Österreich.

Es scheint so gar nicht zu den fröhlichen Walzerklängen eines Johann Strauss zu passen, und dennoch ist es geschehen. Anders gefragt: Was ist der Donaumonarchie widerfahren, was hat sie selbst dazu getan, dass von einem Reich, welches auf dem Wiener Kongreß 1814/15 mit Clemens Fürst von Metternich noch den alle und alles diplomatisch und intellektuell überragenden Staatsmann stellen konnte, hundert Jahre später nur noch ein Bruchteil alten Glanzes übrig blieb.

Ich sage das deshalb so pointiert, man mag mir widersprechen, weil der künstlerische Stilwechsel im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Wien, das gestellte Thema mithin, meiner Einschätzung nach nicht aus organischer Entwicklung, sondern nur als Bruch mit dem Bisherigen sinnvollerweise zu verstehen ist. Ohne ellenlang bi- und multilaterale staatliche Verwicklungen zu bemühen, möchte ich einige wenige Argumente vorstellen, die geeignet zu sein scheinen, Mentalität und Stimmungslage der Secessionisten, den Hauptakteuren des neuen Kunstwollens, zu erklären. Wahlspruch des 1848 neu an die Schalthebel der Macht gekommenen Kaisers war viribus unitis, mit vereinten Kräften also. Die vereinten Kräfte waren allerdings nicht eine integrierte Presse- oder Meinungsfreiheit oder eine verfassungsmäßige Beschränkung monarchischer Allmacht. Weit gefehlt! Integriert in die monarchischen Entscheidungsfindungsprozesse wurden allenfalls Militärs und politische Berater, die weniger nach Kompetenz als nach Loyalität ausgesucht und akzeptiert wurden. Es war also die Art von beraterischem Umfeld, die die Niederlage des österreichischen Heeres im italienischen Solferino zu verantworten hatte und dann noch, sicherlich geschickt von niemandem anders als Otto von Bismarck provoziert, der Meinung war, man könne die strategischen Fähigkeiten des preußischen Generalstabschefs Helmuth von Moltke herausforden. Ergebnis war 1866 die Niederlage der Österreicher im böhmischen Königgrätz. Auch dafür gibt es wiederum auf der Hand liegende Gründe, ob sie nun im Vorhandensein preußischer Zündnadelgewehre, also von Hinterladern, die im Liegen bedient werden konnten, im Gegensatz zu den altertümlichen Vorderladern der Gegenseite, zu sehen sind , oder in den geradezu fahrlässig offensichtlich eine Zielscheibe abgebenden weißen Uniformjackets vieler österreichischer Einheiten, dem Gegenteil von Camouflage.

Im Ergebnis war die Donaumonarchie nicht mehr Mitglied des Deutschen Bundes, und sollte logischerweise konsequent nicht Bestandteil des am 18. Januar 1871 proklamierten Deutschen Reiches werden. Bis dahin wurde immer noch die politische Frage diskutiert, ob eine groß- oder kleindeutsche Lösung sinnvoll wäre. Die politischen Orientierungen begannen danach – stärker als vormals – sich nach Südosteuropa zu erstrecken. In das Vakuum eines sich immer mehr auf territorialem Rückzug befindlichen Osmanischen Reiches stießen neue machtpolitische Player hinein: das zaristische Russland und die K. u. k. Monarchie. Die diesbezüglichen Einmischungen sollten sich als so wirkmächtig erweisen, dass der nominelle habsburgische Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 von einem bosnisch-serbischen Attentäter erschossen wurde.

Die Stadt Wien selbst sah sich 1857 mit einem kaiserlichen Erlass konfrontiert, der vorsah, die den Innenstadtkern umgebenden Stadtmauern zu schleifen, um derart Platz für Bebauung zu schaffen. Man erkannte also das aus alten Zeiten stammende Festungswerk mit seinem umfangreichen Festungsvorfeld, dem Glacis, als für eine moderne europäische Großstadt nicht mehr notwendig an. Die stadtplanerische Zusammenführung von Vorstädten und Innenstadt schien bedeutsamer zu sein. Im Ergebnis entstand die Ringstraße mit ihren großen öffentlichen Gebäuden. Obwohl teilweise noch Jahrzehnte weitergebaut worden ist, fand bereits am 1. Mai 1865 die feierliche Eröffnung  eines der wohl schönsten Boulevards weltweit statt. Die beteiligten Architekten schufen im Stil des Historismus, vom Mitbegründer der britischen Arts and Crafts Bewegung, William Morris, spöttisch als „Maskerade in anderer Leute abgelegten Kleidern“ bezeichnet. Dieser Prunk und Konservativismus ausdrückende eklektische Stil, sollte es schließlich werden, der die Secessionisten in ihrem Kunstwollen zur Abkehr bewegte. Für die bestimmenden gesellschaftlichen Eliten lag wohl in der Selbstvergewisserung, die in der Orientierung an historischen Vorbildern möglich war, eine Begründung vor, die eingangs in diesem Beitrag beschriebene zukünftige Unsicherheiten einhegen konnte. Ein immer sebstbewußteres städtisches Bürger- und Großbürgertum, in dieser auch als Gründerzeit bezeichneten Epoche inwischen zu manch beträchtlichem Vermögen gelangt, hat darin wohl ebenso einen geeigneten Repräsentationsstil erblickt. Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass Kunst- und Architekturgeschichte heutzutage dem historistischen Stil eine eigene Qualität zuschreiben, was nicht zuletzt durch das rein funktionale Architekturschaffen („Form follows function“) der Nachkriegszeit in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Erklärung erfährt. Neben vielen anderen wichtigen Gebäuden wie Kunst- und Naturhistorischem Museum, Burgtheater, Oper, Rathaus, Votivkirche, Börse und Hofburg treffen wir am Ring auf das Parlamentsgebäude. Das nach Plänen von Theophil von Hansen geschaffene Bauwerk mit seiner Front aus acht Säulen, darüber liegendem Architrav und reliefiertem Giebeldreieck, dem Tympanon, erinnert deutlich an einen klassischen griechischen Ringhallentempel, den Peripteros. Diese neoklassizistische Stilvariante ist eine Ausprägung des Historismus, Neo-Gotik, Neo-Renaissance oder Neo-Barock können andere sein.

Jugendstil

In vielen Regionen Europas wurde der Jugendstil, in Frankreich „Art nouveau“ genannt, im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts zu einer Antwort auf den Historismus, nicht nur in der Donaumonarchie. Ursächlich waren die gewaltigen Fortschritte, die wissenschaftlich und technisch zu dieser Zeit gemacht wurden, und die nach neuen ästhetischen Antworten auf vielen schöpferischen Gebieten riefen. Kennzeichnend sollten eine weiche, bewegte Linienführung, stilisierte Pflanzen- und Tierformen und eine besondere Vorliebe für das Ornament werden. Anwendungsgebiete des neuen Stils konnten sowohl in Architektur und Innenarchitektur als auch in Malerei, Druckgraphik, Plakatkunst oder in der Formgebung von Gebrauchsgegenständen liegen.

Zurück nach Wien! Hier war es die Atmosphäre der Kaffeehauskultur, in der Intellektuelle, Künstler und Bonvivants die neuesten lyrisch-dramatischen Dichtungen eines Hugo von Hofmannsthal besprachen, die literarische Produktion eines Arthur Schnitzler diskutierten oder sich mit den neuesten, offensichtlich sehr merkwürdigen Ideen eines aufstrebenden Wiener Nervenarztes, eines gewissen Sigmund Freud auseinandersetzten. 1899 war soeben die „Traumdeutung“ erschienen.

In einem solchen Umfeld dürfen wir uns Gustav Klimt vorstellen, den wohl bedeutendsten Meister des Sezessionsstils, der österreichischen Variante des Jugendstils. Gerade erst hat er für einen veritablen Skandal gesorgt, indem achtzig Professoren der Universität in einer Petition forderten, dass Klimts Gemälde auf keinen Fall in der Universität zur Schau gestellt werden dürften. Der Rektor höchstselbst verwahrte sich gegenüber dem Künstler dagegen, dass in einem Zeitalter, in welchem die Philosophie, ein Thema der Klimtschen Auftragsarbeit, die Wahrheit in den exakten Wissenschaften suche, sie es nicht verdient habe, als nebelhaftes Gebilde dargestellt zu werden.

Der Künstler dürfte die Anwürfe verschmerzt haben. Schließlich warteten unter anderem als Auftraggeber die großbürgerlichen Bloch-Bauers. Es wird nicht zu Klimts Schaden gewesen sein, dass sie nicht mit so spitzem Bleistift rechnen mußten wie eine Universitätsverwaltung. Das Bildnis Adele Bloch-Bauer I, erst jüngst verwickelt in Streitigkeiten, die die Restitution von Kunswerken betrafen, ist ein 1,38m mal 1,38m formatiertes Ölgemälde mit umfangreichen Blattsilber- und Blattgoldauflagen auf Leinwand. Es verdeutlicht damit einige stilistische Eigentümlichkeiten aus Klimts goldener Phase. Er hatte nämlich während einer Italienreise 1903 Venedig und Ravenna besucht und aufgrund der dort betrachteten mit Gold geschmückten Kirchenmosaike versucht, das Gesehene in eine der eigenen Zeit gemäßen Form zu übertragen. Kunstliebhaber in aller Welt wissen jedenfalls seine Ideen und ihre Umsetzung zu schätzen. Dafür sprechen nicht nur die Verkaufserlöse, die Werke von Gustav Klimt bei internationalen Auktionen erzielen. Besagtes Ölgemälde Adele Bloch-Bauer I aus dem Jahr 1907 ist mit einem bei Christie´s 2006 erzielten Erlös von 135 Millionen Dollar aktuell immer noch das siebtteuerste Bild aller Zeiten überhaupt.

Unter dem Titel „Schönheit und Abgrund“ gedenkt die Stadt Wien im kommenden Jahr nicht nur des 1918 verstorbenen Gustav Klimt. Ebenfalls im Jahr des Weltkriegsendes verstarben der expressionistische Maler Egon Schiele, der Architekt Otto Wagner, legendärer Schöpfer des Gebäudes der Postsparkasse, und der Erfinder des Graphik-Designs Koloman Moser. Leopold Museum, Unteres Belvedere, die Orangerie, das MAK, Wien Museum, Kunsthistorisches Museum Wien, Jüdisches Museum Wien, Arnold Schönberg Center, Hofmobiliendepot, Literaturmuseum und viele andere mehr veranstalten in 1918 zahlreichste Ausstellungen, um Klimt, Schiele, Wagner, Moser und ihre Weggefährten gebührend zu ehren und zu feiern. Und am Ende wird Wien wissen, auch sich selbst zu feiern!

Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich fröhliche und friedvolle Weihnachtstage! Merry Christmas and a Happy New Year!

Bildnachweis©derblogger

 

 

 

 

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