Wirtschaftliche Aktivitäten der Römer: Von den Anfängen bis zum Ende der Republik

Ganz selbstverständlich stehen heute tätigen Ökonomen und Wirtschaftsjournalist*innen für ihre Einschätzungen zu Fragen eines erwartbaren Wachstums, einer womöglich vermeidbaren Rezession, der Entwicklung der Arbeitsmärkte oder der bisherigen und zukünftigen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) fortlaufende Datenreihen einschlägiger Forschungsinstitute und von Statistikämtern zur Verfügung. Wie sollte es auch anders sein? Durch die jeweiligen volkswirtschaftlichen Kennziffern lässt sich weitgehend präzise abbilden, wie es um den ökonomischen Stand der Dinge etwa in Luxemburg, den Niederlanden, Finnland oder anderenorts bestellt ist.

Doch was ist, wenn kein reichhaltiges, kontinuierliches Zahlen- und Datenmaterial vorliegt, wenn die Statistik schweigt, wie es im Fall der griechisch-römischen Antike für die allermeisten Lebensbereiche der Fall ist? Um dennoch zumindest beschreibend zu belastbaren Aussagen über das Altertum zu gelangen, rücken notgedrungen andere Erkenntnisquellen in den Vordergrund. Für die römische Geschichte können dies überlieferte Texte sein, die sich mehr oder weniger ausführlich mit dem damaligen Wirtschaftsgeschehen und -leben auseinandersetzen. Hierunter fällt vor allem die Gruppe der sogenannten Agrarschriftsteller, deren Reihe von dem wegen seiner verbalen Ausfälle in Richtung Karthago bekannten Senator Marcus Porcius Cato chronologisch angeführt wird. Oder Gesetze wie die 342 v. Chr. erlassene Lex Genucia, die im Bestreben die erheblichen sozialen Sprengstoff beinhaltende Schuldknechtschaft in den Griff zu bekommen, die Ausgabe von Darlehen auf Zinsen verboten hat. Andererseits: Um Aufschlüsse über Lage, Größe und Organisationsformen landwirtschaftlicher Betriebe zu bekommen, sei es ein abgelegener Kleinbauernhof oder die im Zentrum eines ausgedehnten Großgrundbesitzes befindliche villa rustica, geraten mit Archäologie und historischer Bauforschung unversehens neben der Althistorie zusätzliche Disziplinen in den Fokus der Aufmerksamkeit. Speziell die Archäologie in ihrer bisweilen spektakulär daherkommenden Variante der Unterwasserforschung kann bei der Untersuchung von mediterranen Schiffswracks wertvolle Hinweise zwar nicht im Sinne exakter Import- oder Exportquoten, aber bezüglich der Frage, welche Güter auf welchen Routen überhaupt gehandelt wurden, zur Verfügung stellen. So weiß man heute, dass die meisten Schiffswracks im westlichen Mittelmeer aus dem 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. etruskische Amphoren mit Wein, Öl und Oliven enthielten, Indiz für ein seefahrerisches, handwerkliches und merkantiles Primat der Etrusker in Nord- und Mittelitalien. Dagegen ist Rom um 600 v. Chr. mitnichten bereits auf der Überholspur angekommen, sondern es ist gerade einmal Stadt geworden, das Siedlungsgebiet ist im Verlauf der vorausgegangenen Jahrzehnte auf rund 320 Hektar angewachsen. Für dieses frühe Rom der Königszeit ist der schottischen Althistorikerin Kathryn Lomas zufolge von einer bescheidenen Einwohnerzahl von um die 4.500 Menschen auszugehen.

Republikanische Innenansichten 

Wie die Römer ihre eigenen ökonomischen Aktivitäten gesehen und beurteilt haben, verdeutlicht anschaulich die folgende längere Passage, die sich beim 106 v. Chr. geborenen Anwalt, Politiker und Philosophen Marcus Tullius Cicero in seinem in Briefform abgefassten „De officiis“ findet: „Was nun das Handwerk und die Erwerbszweige angeht, welche man für eines Freien würdig halten soll und welche niedrig sind, so ist folgendes ungefähr die akzeptierte Meinung: Erstens finden die Erwerbszweige keine Billigung, die auf den Hass der Menschen stoßen, wie die der Zöllner in den Häfen oder der Wucherer. Eines Freien nicht würdig und niedrig sind aber auch die Tätigkeiten aller, die für Lohn arbeiten, deren Arbeitsleistung gekauft wird und nicht deren Begabungen; denn bei ihnen besiegelt der Lohn selbst ihre Versklavung. Für niedrig muss man auch die halten, die von Kaufleuten kaufen, um sofort wiederzuverkaufen; denn sie würden nichts verdienen, wenn sie nicht ausgiebig lügen würden. (…) Und alle Handwerker betreiben ein niedriges Gewerbe, denn eine Werkstatt kann keinen freien Geist atmen. Und am wenigsten sind die Gewerbe zu billigen, die den fleischlichen Genüssen dienen: „Fischhändler, Fleischer, Köche, Geflügelhändler und Fischer“, wie Terenz sagt. Zu denen man, wenn man mag, Parfümverkäufer, Tänzer und alles, was mit öffentlicher Belustigung zu tun hat, hinzufügen kann.

Die Gewerbe aber, in denen eine größere Klugheit am Werke ist oder durch die kein geringer Nutzen erreicht werden soll – wie Medizin, Architektur, der Unterricht in rechten Dingen -, sie sind ehrenhaft für die, zu deren Status sie passen. Der Handel aber muss, sofern er gering ist, für niedrig gehalten werden; doch wenn er groß und reichhaltig ist, vieles von überallher herbeischafft und vielen ohne Schwindel zuteilt, ist er nicht übermäßig zu tadeln. Und wenn der Handel, vom Erwerb gesättigt oder, besser gesagt, damit zufrieden, sich gar von eben dem Hafen aus, zu dem er oft vom Meer her kam, einem Landbesitz zugewandt hat, so scheint mir, dass das mit gutem Recht gelobt werden kann. Von allen Dingen aber, aus denen irgendein Gewinn gezogen wird, ist nichts besser als die Landwirtschaft, nichts ergiebiger, nichts angenehmer, nichts einem freien Manne angemessener.“

Die von Cicero hier geschmähte und getadelte Lohnarbeit ist natürlich kein Beruf, die von ihm gepriesene Landwirtschaft ist es auch nicht. Da er selbst Großgrundbesitzer war, dürfen wir annehmen, dass er speziell diese Kategorie in puncto Ergiebigkeit im Blick hatte und nicht den auf Selbstversorgung ausgerichteten bäuerlichen Kleinbetrieb, der unter stetem Arbeitseinsatz aller verfügbaren Familienmitglieder nur allzu oft gerade so eben über die Runden gekommen und kaum nennenswerte Überschüsse auf den lokalen Markt gebracht haben wird.

Den Einschätzungen eines Repräsentanten der späten Republik werden nunmehr mit dem 234 v. Chr. geborenen Marcus Porcius Cato diejenigen eines Vertreters der mittleren Republik ergänzend gegenübergestellt. Cato hat sich zum Thema Wirtschaft in „De agri cultura“ folgendermaßen geäußert: „Manchmal scheint es vorteilhaft zu sein, Vermögen durch Handel zu suchen, wenn es nicht so gefährlich wäre. Ebenso, Geld für Zinsen zu verleihen, wenn es nur ehrenhaft wäre. Unsere Vorfahren sahen es so und hielten es in den Gesetzen fest: Die Strafe für einen Dieb betrug das Doppelte (des Werts des Diebesgutes), für einen Wucherer das Vierfache (der verliehenen Summe). Hieran lässt sich ablesen, für einen wie viel schlechteren Bürger als den Dieb sie den Wucherer hielten. Wenn sie andererseits einen tüchtigen Mann lobten, sagten sie, er sei ein guter Landwirt. Wer so gelobt wurde, der erhielt nach allgemeiner Ansicht die höchste Auszeichnung. Händler können zwar bei ihrem Gewinnstreben tüchtig und fleißig sein, aber immer drohen ihnen Gefahr und Verluste. Aus den Reihen der Bauern dagegen gehen die tapfersten Männer und die tüchtigsten Krieger hervor, und der ehrlichste und dauerhafteste Gewinn kommt dabei heraus – und der am wenigsten dem Neid ausgesetzte.“

Wie Cicero kanzelt auch Cato den Wucherer ab. Davon abgesehen, klingt in „De agri cultura“ erneut das Loblied des tüchtigen und vorbildhaften Landwirts an.

In welchen Relationen Handel, Handwerk und Landwirtschaft sich exakt zueinander befunden haben, lässt sich kaum seriös bestimmen. Um dennoch wenigstens eine ungefähre Vorstellung zu vermitteln, möchte ich auf die Einschätzungen des Althistorikers Werner Tietz in seiner 2015 erschienen Monographie „Hirten, Götter, Bauern. Eine Geschichte der römischen Landwirtschaft“ verweisen, die nahelegen, dass zwischen 75 und 95 Prozent der römischen Bevölkerung auf dem Land oder in kleinen Ortschaften gelebt haben. Gut 90 Prozent der antiken Bevölkerung im Mittelmeerraum insgesamt hat Tietz zufolge dabei von der Landwirtschaft gelebt. Demnach ist die römische Gesellschaft durch und durch agrarisch verankert gewesen.

Vielfalt der in diesem Zusammenhang zum Anbau verwendeten Pflanzen ist in einem höheren Maß, als man es vielleicht erwarten würde, vorhanden gewesen. Aus dieser Vielfalt ragen gleichwohl mit Getreide, Oliven und Weintrauben drei agrarische Produkte heraus, die sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart stets die Hauptelemente mediterraner Ernährung dargestellt haben. Die Weintraube natürlich nicht nur als köstliche, essbare Frucht, sondern vorzugsweise in ihrem flüssigen Zustand nach dem Gärprozess. Daneben haben Hülsenfrüchte wie Erbsen, Bohnen, Linsen und Kichererbsen eine hohe Bedeutung als Nahrungsmittel gehabt.

Einführung der Münzwirtschaft

Schon Herodot wusste in den Historien“ davon zu berichten, dass die Lyder die ersten auf der Welt gewesen seien, die Gold- und Silbermünzen geprägt und genutzt hätten. Die sehr spezielle Situation, wie sie im Zusammenhang mit der Gründung des an der kleinasiatischen Westküste gelegenen Artemistempels von Ephesos angetroffen wurde, bestätigt die Annahmen des Ahnherrn jeder Geschichtsschreibung. In einem gemeinsamen auf das Jahr 600 v. Chr. datierten Kontext sind nämlich hier vor Ort Edelmetallklümpchen von standardisierter Größe, einige von ihnen geprägt, andere ungeprägt, entdeckt worden. Ihnen waren echte, mit einem Löwensymbol auf Vorder- und Rückseite versehene Münzen beigefügt. Diese eigentümliche Mischung ist dahingehend gedeutet worden, dass die erste Generation, die die Erfindung des Münzgeldes erlebt hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch dieses Depot angelegt hat.

Durch die zahlreichen griechischen Koloniegründungen wie Tarent, Sybaris oder Metapont im Süden der Halbinsel, nicht zufällig spricht man von Magna Graecia, von Großgriechenland, ist die von den Lydern entwickelte Münzwirtschaft schließlich nach Italien gelangt. Den Sprung von den überlieferten Formen einer Naturalwirtschaft haben die Römer dann erst eine Generation vor der Geburt Catos vollzogen, zur Prägung von Silbermünzen ist man am Tiber 269 v. Chr. übergegangen. Die zunehmende Ablösung bis dahin verwendeter unhandlicher Bronzebarren und die seitdem einsetzende Bevorzugung des Münzgeldes wird von einigen Fachleuten mit den praktischen Erfordernissen der Besoldung immer umfangreicherer Truppenkontingente erklärt. Gerade erst hatten sich Roms Legionen und die mit ihnen in der italischen Wehrgemeinschaft Verbündeten der existenziellen Bedrohung durch den hellenistischen Kriegsherrn Pyrrhos von Epiros erfolgreich erwehrt. Vieles befand sich im Umbruch. Dazu zählt gewiss auch die immer größeren Umfang einnehmende Institution der Sklaverei. Der Althistoriker William Vernon Harris hat die Summe der Kriegsgefangenen, die allein nach dem 293 v. Chr. beendeten Dritten Samnitenkrieg als Sklaven an die Ufer des Tiber gerieten, mit mehr als 66.000 Menschen angegeben. Caesar soll während der von 58 bis 51 v. Chr. andauernden Eroberung Galliens für die Versklavung von bis zu einer Million Unglückseliger verantwortlich gewesen sein. Diese fristeten ihr trauriges, von Unfreiheit bestimmtes Los in umfangreicheren Handwerksbetrieben wie z. B. Keramikwerkstätten, auf landwirtschaftlichen Gütern, im Bergbau, aber auch als Diener im Haus der stadtrömischen Oberschicht.

Richtig in Schwung gebracht, wurde die neuartige Geldwirtschaft durch den gegen Karthago ausgefochtenen Ersten punischen Krieg ab 264 v. Chr. Einerseits mussten die Flottenrüstungen finanziert werden und andererseits gelangte durch Plünderungen und das Aufbringen gegnerischer Handelsschiffe viel Edelmetall nach Rom, was sich durch die erheblichen friedensvertraglich vereinbarten Zahlungen der nordafrikanischen Stadt nach 241 v. Chr. noch erheblich verstärkte. 3200 Talente wurden als Kontribution fällig, nach dem Zweiten Punischen Krieg 201 v. Chr. waren es sogar 10000 Talente, was mehreren Hundert Tonnen an Silber entsprach.

Denarius of Julius Caesar  120717-2191

1. Der Denarius, Roms wichtigste Silbermünze. Diese wird in das Jahr 46 v. Chr. datiert. Ceres, die Göttin des Ackerbaus mit dem um den Kopf gewundenen Ährenkranz, ist hier links abgebildet.

Weitere wirtschaftliche Aktivitäten

Auf den schottischen Philosophen der Aufklärung David Hume ist der Gedanke zurückzuführen, dass es keine wirtschaftlichen Zyklen in der Antike gegeben habe. Ebenso wenig hätte es Städte gegeben, deren Aufstieg der Errichtung einer Manufaktur zugeschrieben werden könne. Da Hume auch kompetent als Historiker gearbeitet hat, ist ihm auf diesem Gebiet immer eine nicht unerhebliche Relevanz zugekommen. Viele Experten sind seinen Überlegungen daher guten Gewissens gefolgt. Mit dem US-amerikanisch-britischen Althistoriker Moses Finley hat sogar einer der bedeutendsten Protagonisten des Fachs überhaupt noch im späten 20. Jahrhundert ähnlich minimalistische Ansätze verfolgt. Mit Blick auf einen für die Stadtentwicklung Roms in seiner Bedeutung zu vernachlässigenden Handel hat Finley in „Die antike Wirtschaft“ von 1977 geäußert: „Es ist daher richtiger zu sagen, dass Rom sich dem Meer zuwandte, weil es eine große Stadt geworden war, als umgekehrt.“

Wie aber sollten Funde griechischer Keramik aus dem 8. vorchristlichen Jahrhundert auf dem Forum Boarium am Fuße des Kapitols anders gedeutet werden denn als Ergebnis irgendwie gearteter Austauschbeziehungen? Freilich lassen sie sich nicht quantifizieren. Der Althistoriker Frank Kolb jedenfalls sieht in der namentlichen Bezeichnung des Rindermarkts einen eindeutigen Hinweis darauf gegeben, dass die im Rom der Frühzeit heimischen Viehzüchter sehr wohl einen Gegenwert im Tausch gegen Importwaren zu bieten hatten.

Umso mehr befanden Handel und Handwerk sich dann in der mittleren Republik auf dem Vormarsch. Ein charakteristischer Typ vor Ort produzierter Keramik mit schwarzglänzender Oberfläche lässt sich ziemlich präzise bestimmten Werkstätten und Herstellern zuweisen. Eine dieser Werkstätten hat Teile seiner Produktion mit gestempelten Motiven versehen und wird aus diesem Grund als Atelier des Petites Estampilles bezeichnet. Nicht nur Töpfer waren ein vertrauter Anblick im alltäglichen Stadtleben. Versierte Metallhandwerker gehörten ebenfalls dazu. Einer von ihnen ist namentlich bekannt: Novius Plautius. Ihm ist die Kreation eines in einem Grab in Praeneste gefundenen zylindrischen Bronzegefäßes, datiert ins Jahr 315 v. Chr., zu verdanken. Es ist heute als Ficoroni-cista bekannt.

Weitere Beispiele ließen sich anführen, die die hohen handwerklichen Standards und das vorhandene Know-how am Tiber schon in der römischen Republik und nicht erst in der Kaiserzeit belegen. Ein industriell anmutender Maßstab, wie er später im südgallischen La Graufesenque und im germanischen Tabernae bei der Herstellung von Keramik des Typs Terra Sigillata erreicht wurde, war freilich noch nicht vorhanden. Zukünftige Funde und Befunde könnten natürlich eine Revision dieser Ansicht notwendig machen.

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