Allein gegen die Diktatur: Georg Elser

Am Abend des 8. November 1939 wird die Ruhe der Münchener Innenstadt durch eine heftige Explosion erschüttert. Was ist geschehen?

Der sechsunddreißigjährige gelernte Schreiner Georg Elser hat im Bürgerbräukeller  unter Verwendung eines ausgeklügelten Zeitschaltmechanismus eine selbstgebaute Bombe um 21.20 Uhr zur Detonation gebracht. Insgesamt acht Menschen sollten dadurch ihr Leben verlieren. Der aus dem württembergischen Hermaringen, einem kleinen Ort in der Nähe von Heidenheim an der Brenz, stammende Bombenbauer wurde nahezu zeitgleich beim Versuch die Grenze zur Schweiz zu überqueren vom aufmerksamen und dienstbeflissenen Grenzpersonal daran gehindert. Eine kurz darauf durchgeführte Leibesvisitation brachte verdächtige Unterlagen und Gegenstände zu Tage. Dadurch geriet Georg Elser schnell ins Visier der Ermittler vom Reichssicherheitshauptamt in Berlin. Die Verhörprozeduren konnten beginnen. Auf Seite 100 und 101 des dabei angefertigten und gegenwärtig im Bundesarchiv Koblenz befindlichen Protokolls äußerte Elser: „In den folgenden Wochen hatte ich mir dann langsam im Kopf zurechtgelegt, daß es am besten sei, Sprengstoff in jene bestimmte Säule hinter dem Rednerpodium zu packen und diesen Sprengstoff durch irgendeine Vorrichtung zur richtigen Zeit zur Entzündung zu bringen. Wie dieser Entzündungsapparat aussehen müßte, darüber war ich mir damals noch nicht im klaren. Die Säule habe ich mir deshalb gewählt, weil die bei einer Explosion umherfliegenden Stücke die Leute am und um das Rednerpult treffen mußten. Außerdem dachte ich auch schon daran, dass vielleicht die Decke einstürzen könnte. Welche Personen allerdings um das Rednerpult bei der Veranstaltung sitzen, wusste ich nicht. Ich wusste aber, dass H i t l e r spricht und nahm an, dass in seiner nächsten Nähe die Führung sitze.“

Das Verhör endete schließlich am 23. November 1939 mit dem schriftlichen Geständnis, Inhaftierung und der Unterbringung im KZ Sachsenhausen ab 1941. Erst kurz vor Kriegsende sollte Elser, inzwischen im KZ Dachau inhaftiert, sein Leben durch Genickschuss verlieren. Auftraggeber war der Chef der Gestapo, SS-Gruppenführer Heinrich Müller, auf Weisung des Führers selbst hin. Dies mag den besonderen Status des persönlichen Häftlings Hitlers verdeutlichen, alles ohne Gerichtsverfahren. Man schrieb inzwischen den 9. April 1945. Bis zur bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht vergingen nur noch vier Wochen.

Wie die Angehörigen der Weißen Rose oder des Kreisauer Kreises oder der sogenannten Roten Kapelle wird Georg Elser heutzutage dem innerdeutschen Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime hinzugezählt. Wie die im militärischen Widerstand befindlichen Attentäter des 20. Juli war er mit seinem Vorhaben des Tyrannenmordes letztlich gescheitert. Denn Ziel seiner hinter einer Holzverkleidung verborgenen Bombe im Münchener Bürgerbräukeller war nicht die Vernichtung unschuldigen Lebens durch einen terroristischen Akt, sondern die Eliminierung der Führungsspitze der Nazi-Diktatur. Sehr wahrscheinlich rettete allein der abgekürzte Aufenthalt vor Ort, man verließ lediglich eine Viertelstunde vor der Detonation den Saal, ihr Leben.

Das ist heute der Stand der Dinge, so wie sie sich zugetragen haben. Doch woher stammt unser Wissen? Entscheidend dabei ist die Entdeckung des 203 Seiten umfassenden Protokolls von Elsers mehrtägiger Vernehmung durch die Gestapo in Berlin. Der Historiker Lothar Gruchmann hat es 1964 in den Akten des Reichsjustizministeriums entdeckt und 1970 veröffentlicht. Im Jahr 2000 hat dann der Journalist Ulrich Renz den von ihm im Schweizerischen Bundesarchiv Bern entdeckten Schweizer Ermittlungsbericht zum Fall Elser publiziert. Wer sich für weitere Details interessiert, sei auf die Internetpräsenz des Georg-Elser-Arbeitskreises hingewiesen, hier erfährt man noch sehr viel mehr über Leben und Schicksal des süddeutschen Widerstandskämpfers (http://www.georg-elser-arbeitskreis.de/gestart.htm).

Kein britischer Agent

Einigen Leserinnen und Lesern wird sehr wahrscheinlich nicht entgangen sein, dass ich von gesichertem und anerkanntem Wissensstand und allgemein akzeptierter Faktenlage gesprochen habe. Es hat nämlich nicht an Versuchen gefehlt, Elsers Attentat in  Verbindung zum britischen Geheimdienst zu bringen, womit wir uns nun vollends in den Untiefen staatlicher Propaganda und Medienlenkung sowie der Instrumentalisierung von Ereignissen für politische Zwecke befinden.

Um die Hintergründe besser verstehen zu können, ist es unabdingbar einen Blick auf die zweite Jahreshälfte 1939 zu richten. Der am 1. September 1939 begonnene Polenfeldzug ist bereits knapp sechs Wochen später von der deutschen Wehrmacht siegreich beendet worden. Frankreich und Großbritannien haben allerdings mit Beginn der diesbezüglichen Kampfhandlungen nach Jahren des vergeblichen Appeasements dem Deutschen Reich den Krieg erklärt. Außer einigen Artilleriescharmützeln an der deutsch-französischen Grenze hielten sich eigentliche Kampfhandlungen noch in sehr engen Grenzen. Zeit für Geheimdienstarbeit also. Wie möglicherweise nicht allseits bekannt, ist der britische Geheimdienst in die heimische Spionageabwehr, MI5 genannt, und die Auslandsabteilung, MI6 genannt, unterteilt. Zum uns interessierenden Zeitraum, in den 1930er und 1940er Jahren, sprach man vom MI6 synonym auch vom SIS, dem Secret Intelligence Service.

Am 9. November 1939, also einen Tag nach dem Sprengstoffanschlag in München, befanden sich zwei SIS-Offiziere, Captain Sigismund Payne Best und Major Richard Stevens, in Venlo ganz in der Nähe der deutsch-holländischen Grenze. Sie wollten Verbindung zu einem vermeintlichen deutschen Oppositionellen aufnehmen, der allerdings ein Doppelagent der Gestapo war. Beide Briten wurden auf holländischem Gebiet von einem deutschen Kommando unter dem Befehl des berüchtigten SS-Sturmbannführers Alfred Naujocks entführt und nach Deutschland verbracht.

Wie wurde nun die Zeit bis zum Westfeldzug im Mai 1940, der die Einnahme und Besetzung der souveränen Staaten Belgien, Niederlande, Luxemburg und großer Teile Frankreichs mit sich bringen sollte, genutzt? Die deutsche Propaganda versuchte alsbald die Öffentlichkeit in einem ihr genehmen Sinn zu beeinflussen. Als günstige Voraussetzungen standen für das diktatorische Regime Gut- und Autoritätsgläubigkeit weiter Teile der Bevölkerung bereit und ein in weiten Teilen der Gesellschaft fehlendes Vermögen, Medien und die Dinge, die sie von sich geben, kritisch zu betrachten.

So konnte die Leserschaft der Deutschen Allgemeinen Zeitung am 22. November 1939 auf Seite 1 als Überschrift im Fettdruck zur Kenntnis nehmen:

Georg Elser der Mörder, Intelligence Service der Auftraggeber, Otto Strasser der Organisator

Einem der dann folgenden Artikel zum Thema wurde zusätzlich das besondere Seriosität vorgaukelnde „Amtlich wird verlautbart!“ vorangestellt und die Scharade nahm ihren Lauf.

Der Völkische Beobachter vom 23. November 1939 ordnete drei Photos von Elser, Best und Stevens nebeneinander und wusste, selbstverständlich ohne diesbezügliche Zweifel zu äußern, vom gedungenen Mörder und seinen Hintermännern.

Andere Zeitungen reagierten ähnlich, und wohl die wenigsten Leserinnen und Leser konnten sich gänzlich der damit verbundenen Einflußnahme entziehen. Sie sollten ja schließlich für den Angriffskrieg motiviert und von seiner Berechtigung überzeugt werden.

 

 

 

 

 

 

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