Diktatoren leben gefährlich

Schon im Altertum gab es Diktatoren und Tyrannen, die in Städten und Territorialstaaten die Herrschaft ausübten. Bisweilen jedoch gingen sie dabei erhebliche persönliche Risiken ein und führten kein ungefährliches Dasein…

Im sechsten vorchristlichen Jahrhundert begegnet uns in der Stadt Athen die Herrscherdynastie der Peisistratiden. Peisistratos und seine Söhne Hippias und Hipparch stehen für eine Herrschaftsform, die mit dem Begriff der Tyrannis belegt ist, in diesem Fall, der Chronologie geschuldet, der älteren Tyrannis bei den Griechen.

Es ist zu jenem Zeitpunkt erst wenige Jahrzehnte her, dass Solon durch gesetzgeberische Maßnahmen den schlimmsten Ungerechtigkeiten des Zusammenlebens im Gemeinwesen begegnet ist, etwa durch Aufhebung der Schuldknechtschaft (Seisachtheia). Weitere Verdienste Solons liegen darin begründet, dass es ihm im Hinblick auf die Einwohner Athens gelang, traditionelle qua Geburt erworbene Privilegien zugunsten solcher des Besitzes zu durchbrechen. Eine derart gebildete Vermögensklasse, die Zeugiten, bestand aus denjenigen Bürgern, die materiell in der Lage waren Rüstung und Ausrüstung zu stellen, um in der neuen Kampfordnung, der Phalanx, mitwirken zu können. Der dabei entwickelte Gedanke von gleicher Leistung, die gleicher politischer Teilhabe zu entsprechen habe, sollte späterhin zu einem der Grundpfeiler der attischen Demokratie werden. Kulturgeschichtlich spricht man vom sechsten vorchristlichen Jahrhundert allerdings noch von der archaischen Zeit, einer Epoche also, die das geometrische Zeitalter bereits hinter sich gelassen hat und dem die Blüte der Klassik noch bevorsteht. Die zeitgenössische attische schwarzfigurige Vasenmalerei steht hoch im Kurs und versteht es, die Produktion konkurrierender Handelsstädte wie z.B. Korinth an Qualität zu übertreffen. Die Aristokratie ist die dominierende Gesellschaftsschicht, ihr Charakter ist agonal, das heißt Wettbewerb unter den einzelnen herausragenden Adelsfamilien spielt eine bedeutende Rolle.

Tyrannis und Monarchie sind ihrem Wesen nach Alleinherrschaften. Doch was unterscheidet sie? Während die politische Theorie dem Königtum Herrschaft auf der Grundlage überkommener Gesetze oder ihre Ausübung zum Nutzen der Untertanen zuerkennt, ist die Tyrannis als absolute Herrschaft definiert, die den überkommenen Gesetzen zuwider handelt oder allein nach dem persönlichen Willen des Herrschers ausgeübt wird. Aristoteles, Theoretiker des vierten vorchristlichen Jahrhunderts, hat die Tyrannis im fünften Buch seiner Politik (5 p. 1310b) folgendermaßen beschrieben: „Der Tyrann entsteht aus dem Kampf des Volkes und der Menge gegen die Angesehenen, damit das Volk durch diese nicht weiter unterdrückt werde. Dies zeigt die Geschichte, denn fast alle Tyrannen sind ursprünglich Volksführer gewesen, denen man sich anvertraute, weil sie die Angesehenen bekämpften. Die einen Tyrannenherrschaften sind auf diese Weise entstanden, als die Staaten schon einen gewisse Größe hatten, die früheren dagegen dadurch, das die Könige die Tradition verletzten und nach einer Despotenherrschaft strebten, andere wiederum durch Männer, die zu den höchsten Ämtern gewählt worden waren – denn in alten Zeiten bestellt das Volk die politischen und sakralen Ämter auf lange Dauer -, andere schließlich aus Oligarchien, die die höchsten Ämter auf einen einzelnen vereinigten. In allen diesen Fällen war das Ziel leicht zu erreichen, wenn nur der Wille da war; denn die Macht war schon vorhanden, teils durch die Königswürde, teils durch ein Amt. So wurden Pheidon in Argos und andere zu Tyrannen von einer Königsherrschaft her, die ionischen Tyrannen und Phalaris durch eine Amtsstellung, Panaitios in Leontinoi, Kypselos in Korinth, Peisistratos in Athen, Dionysios in Syrakus und andere als Volksführer.“

Die Analyse des antiken Philosophen mutet erstaunlich modern an, dennoch ist sie Ereignissen geschuldet, die mehr als zweieinhalb Jahrtausende zurückliegen. Peisistratos soll seit 561 v. Chr. mehrere Versuche unternommen haben, die Herrschaft zu erringen, bis er beim dritten Mal erfolgreich war. Seine hauptsächlichen Unterstützer bildeten dabei verarmte Kleinbauern aus dem Osten Attikas, auswärtige Hilfe und der Einsatz militärischer Gewalt waren ebenfalls unterstützende Elemente. Sogleich nahm Peisistratos Wohnsitz auf der Stadtburg, der Akropolis, wo er sich von einer Söldnertruppe schützen ließ. Als Gegenspieler des neuen Tyrannen können eindeutig die anderen mächtigen Adelsfamilien Athens ausgemacht werden, die entweder freiwillig ins Exil gingen, verbannt wurden oder zu politischem Wohlverhalten angehalten wurden. Erstaunlich ist, dass die einst von Solon geschaffene rechtliche Ordnung weitestgehend unangetastet blieb, das heißt auch die große Kulturleistung der Kodifizierung des Rechts bleib bestehen, Institutionen und Gesetze behielten ihre Gültigkeit.

Eher im Einklang mit dem, was unsere moderne Auffassung von Tyrannis als Herrschaftsform ausmacht, scheinen sich die nun auch entfaltenden staatstragenden Bauaktivitäten zu befinden. Ohne von einem regelrechten Bauprogramm sprechen zu wollen, lassen sich vielfältige Maßnahmen in den Bereichen Tempelbau und Wasserversorgung beobachten. Nach dem Tod des Peisistratos übernahmen seine Söhne Hippias und Hipparch 528 v. Chr. die Herrschaft. Sie stellten das alte Panathenäenfest in den Mittelpunkt des städtischen religiösen Lebens. Dabei brachte eine feierliche Prozession der Göttin Athene ein von den Frauen der Stadt gewebtes Gewand, den sogenannten Peplos, auf die Akropolis. Die Bürgerschaft versammelte sich dabei um die Stadtgöttin. Während der Panathenäen 514 v. Chr. wurde Hipparch von Harmodios und Aristogeiton schließlich ermordet, wie es scheint aus privaten Motiven. Die Tyrannenmörder wurden später als Statuengruppe bildhauerisch als diejenigen verewigt, die der Tyrannei ein Ende gemacht hatten. Inzwischen war auch Hippias 510 v. Chr. aus der Stadt verjagt worden.

Die Nebel der Vergangenheit können in dem beschriebenen Fall nicht vollständig mit Scheinwerfern erhellt und durchdrungen werden. Dazu ist die bestehende Quellenlage einfach zu spärlich. Lediglich die Historiker Herodot und Thukydides sowie der Philosoph Aristoteles sind als Gewährsmänner heranzuziehen.

Caesar überquert den Rubikon

Sehr viel günstiger ist die Situation der Quellen im Fall von Gaius Iulius Caesar, einer der zweifelsohne markantesten Persönlichkeiten der Weltgeschichte. Über ihn berichten sowohl die Historiker Appian und Cassius Dio als auch die Biographen Sueton und Plutarch, der im Rahmen seiner Parallelbiographien Caesar mit Alexander dem Großen verglichen hat. Als Zeitgenosse hat schließlich niemand anderes als der Philosoph und Befürworter der Republik (res publica) Marcus Tullius Cicero Auskunft erteilt.

Der im Jahr 100 v. Chr. geborene Caesar hat seine Herkunft bis zum trojanischen Helden Aeneas, ja bis zur Göttin Venus selbst abzuleiten versucht. In jungen Jahren wurde er Zeuge der Wirren um Lucius Cornelius Sulla, als Konsul einer der beiden höchsten Amtsträger der Republik, der mit alten republikanischen Traditionen brach und Rom selbst bürgerkriegsähnlichen Zuständen aussetzte. Caesar geriet seinerzeit als Verwandter von Marius, einem Gegenspieler Sullas, in Lebensgefahr. Später suchte er die Nähe zu den bedeutendsten Persönlichkeiten, um die eigene politische Karriere zu befördern. Gemeinsam mit Marcus Licinius Crassus, dem reichsten Bürger Roms, und mit Gnaeus Pompeius Magnus, einem höchst erfolgreichen Feldherrn, bildete Caesar das sogenannte 1. Triumvirat, was für ihn das Sprungbrett für die Übernahme des höchsten Amtes, des Konsulats, bedeuten sollte.

Da römische Ämter im Regelfall den Prinzipien von Kollegialität und Annuität verpflichtet waren, bedeutete dieser Umstand auch für Caesar, dass nach einem Jahr Konsulat im Jahr 59 v. Chr. eine neue, die nächste Etappe anstand: die Statthalterschaft, die in römischen Staatsverständnis als Prokonsulat bezeichnet wurde, in den Provinzen Illyricum, Gallia Cisalpina und Gallia Narbonensis. Gallia Cisalpina, das dieseitige Gallien also, entspricht in etwa dem heutigen Norditalien und Gallia Narbonensis jener Region, die in Frankreich heute als Provence bekannt ist. Von hier aus startete Caesar seinen mit vermeintlichen Provokationen und Bedrohungen durch nördlicher lebende Stämme begründeten Eroberungsfeldzug ganz Galliens. Knackpunkt war dabei die Tatsache, dass der Feldherr kein Mandat durch den römischen Senat dazu hatte. Es gab mit anderen Worten keinen Auftrag, sondern nur allzu selbstherrliches Agieren. Daher entstand die Rechtfertigungsschrift „De Bello Gallico“. Der Politiker und Feldherr reüssierte mit dem allen Lateinschülern bekannten Werk auch als Militärschriftsteller.

Man schreibt mittlerweile das Jahr 49 v. Chr., Gallien ist erobert worden und Caesar steht mit seiner 13. Legion (Legio XIII Gemina) am Flüsschen Rubikon im nördlichen Italien. Das Überqueren des Rubikon würde einen eklatanten Bruch mit den republikanischen Grundsätzen bedeuten, da militärische Besatzung auf römischem Gebiet in engerem Sinne nicht vorgesehen ist. Doch Caesar hat sich zu entscheiden. Entweder allein vor den Senat zu treten und sich wegen verschiedener Verfassungsbrüche und sonstiger Unregelmäßigkeiten aburteilen zu lassen trotz der unbestreitbaren militärischen Erfolge, die in Gallien errungen wurden oder den Bürgerkrieg zu riskieren, um die eigene dignitas (Würde) zu bewahren.

Caesar entschied sich für den Bürgerkrieg, Hauptgegner sollte der vom Senat mit der Verteidigung der Republik beauftragte Pompeius, bekannt aus früheren Tagen als Mitglied des 1. Triumvirats, werden. Doch die Pompeianer sollten alle entscheidenden Schlachten, so im griechischen Pharsalos, im nordafrikanischen Thapsos und im spanischen Munda verlieren. Caesar ist daraufhin vom römischen Senat zum Diktator auf zehn Jahre ernannt, später mit der lebenslangen Diktatur (dictator perpetuus) betraut worden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang klarzustellen, dass römisches Staatsverständnis wohl in Notzeiten die Diktatur vorsah, aber zeitlich begrenzt auf den Zeitraum von einem halben Jahr. Vor Caesar hatte nur der bereits erwähnte Lucius Cornelius Sulla die Diktatur länger als ein halbes Jahr bekleidet, und der sollte schließlich die Ordnung der Republik wiederherstellen.

So kam es schließlich, wie es wohl kommen musste. Am 15. März 44 v. Chr., den Iden des März, war eine Senatssitzung in einem stadtrömischen Theater anberaumt worden. Calpurnia, die Ehefrau des Protagonisten, hatte aufgrund von Alpträumen davor gewarnt daran teilzunehmen. Ein bekannter Augur hat sich ebenfalls negativ zur Teilnahme Caesars an der Senatssitzung geäußert, und selbst eine schriftliche Warnung, die auf dem Weg dahin zugesteckt wurde, blieb unbeachtet. Marcus Iunius Brutus und Gaius Cassius Longinus verrichteten ihr blutiges und mörderisches Werk. Caesar war tot.

Marcus Tullius Cicero, immerhin Zeuge der Tat, schrieb später an seinen Freund Atticus, dass es das gerechte Ende eines Tyrannen gewesen sei.

Der nächste, sehr bald in diesem Blog erscheinende Beitrag wendet sich von der Antike ab und näherliegenden Zeiten zu. Thema wird Georg Elser und sein Attentatsversuch auf die nationalsozialistische Führungsspitze im Münchner Bürgerbräukeller sein.

 

 

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