Cocooning im 19. Jahrhundert: die Kultur des Biedermeier

Der Rückzug ins Private

Cocooning ist ursprünglich ein Begriff aus der Zoologie, der ein charakteristisches Stadium der Metamorphose verschiedener Insektenarten beschreibt. Die Trendforscherin Faith Popcorn hat Cocooning bereits in den 1980er Jahren aus dem traditionellen biologischen Kontext entlehnt und kreativ auf Verhaltensmuster menschlicher Gesellschaften übertragen. Seitdem wird damit der Rückzug in die eigenen (gemieteten) vier Wände und der Trend zum behaglich-gemütlichen Einmauscheln und Einigeln beschrieben. Diejenigen, denen die Welt da draußen zu anstrengend und kompliziert geworden ist, ziehen sich demnach in ihren privaten, überschaubaren Lebenskreis zurück, eben den Kokon.

Eine neuartige Variante wird aktuell von Firmen, die ihre Mitarbeiter anstatt ins Büro kommen zu lassen eher zu Home-office Lösungen anhalten, von Kommunen, die verwaiste Innenstädte statt überfüllter Geschäfte favorisieren und von Regierungen, die Sorgen um die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger umtreiben und soziale Distanz empfehlen, geschaffen. Als Megatrend für die kommende Zeit, die die Menschheit mutmaßlich damit beschäftigt sein wird, die wellenförmigen Ausläufer der gegenwärtig grassierenden Pandemie in den Griff zu bekommen, zeichnet sich Cocooning ab.

Biedermeier revisited

Als vor zweihundert Jahren die Tage Napoleons und der unter seiner Führung weite Teile Europas verwüstenden Grande Armée abgelaufen waren, bedeutete das für viele Bewohner des deutschen Sprachraumes endlich Ruhe und Frieden nach fast einem Vierteljahrhundert militärischer Auseinandersetzungen. Was mit dem 1. Koalitionskrieg 1792 begonnen und sich als schier endlose Kette von Konflikten, der Ableistung von Tributzahlungen und der Stellung von Truppenkontingenten sowie der Abtretung von Territorien wie der linksrheinischen an Frankreich fortgesetzt hat, brachte der Wiener Kongreß 1814/15 zum lange erwarteten Abschluss. Ebenso zutreffend für das Gebiet des dort als Staatenbund gegründeteten Deutschen Bundes ist aber auch: Restauration und Reaktion, verschärft durch die 1819 verabschiedeten Karlsbader Beschlüsse mit ihren Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit und Zensurbestimmungen, sollten die kommenden Jahrzehnte bis zur 1848er Revolution dominieren.

Zwischen Wiener Kongreß und 1848er Revolution hat sich daher das Bürgertum in den allmählich größer werdenden Städten neben der vorrangigen Vertretung persönlicher ökonomischer Interessen auf dem Rückzug ins Private befunden, anstatt auf der politischen Bühne das Glück gegen die immer noch vitalen Kräfte des Absolutismus zu versuchen. Die große Zeit der sich selbstbewusst entfaltenden und keineswegs nur adlige Vorbilder epigonenhaft nachahmenden bürgerlichen Wohnkultur war angebrochen, moderne Wohnzimmereinrichtungen unserer Gegenwart finden darin ihre Ursprungsform. Erst im Nachhinein, ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, hat man diese Phase und die sie kennzeichnenden kulturellen Phänomene abwertend und despektierlich, zunächst personalisiert in einer aus dem Schwäbischen stammenden Kunstfigur, mit der Bezeichnung Biedermeier belegt. Doch ist die um Begriffe wie Engstirnigkeit, Weltabgewandtheit und Spießbürgertum kreisende Kritik am Biedermeier eigentlich gerechtfertigt?

Literatur im Biedermeier

Einer der bekanntesten Literaten des Biedermeier ist neben Eduard Mörike, Franz Grillparzer und Annette von Droste-Hülshoff der 1805 geborene Adalbert Stifter. In der Vorrede zum Sammelband Bunte Steine hat er die für ihn maßgebliche Kunst- und Weltanschauung programmatisch zusammengefasst: „Das Wehen der Luft, das Rieseln des Wassers, das Wachsen der Getreide, das Wogen des Meeres, das Grünen der Erde, das Glänzen des Himmels, das Schimmern der Gestirne halte ich für groß: das prächtig einherziehende Gewitter, den Blitz, welcher Häuser spaltet, den Sturm, der die Brandung treibt, den feuerspeienden Berg, das Erdbeben, welches Länder verschüttet, halte ich nicht für größer als obige Erscheinungen, ja ich halte sie für kleiner (…). So wie es in der äußeren Natur ist, so ist es auch in der inneren, in der des menschlichen Geschlechtes. Ein ganzes Leben voll Gerechtigkeit, Einfachheit, Bezwingung seiner selbst, Verstandesgemäßheit, Wirksamkeit in seinem Kreise, Bewunderung des Schönen, verbunden mit einem heiteren, gelassenen Sterben, halte ich für groß: mächtige Bewegungen des Gemütes, furchtbar einherrollenden Zorn, die Begier nach Rache, den entzündeten Geist, der nach Tätigkeit strebt, umreißt, ändert, zerstört, und in der Erregung oft das eigene Leben hinwirft, halte ich nicht für größer, sondern für kleiner, da diese Dinge so gut nur Hervorbringungen einzelner und einseitiger Kräfte sind, wie Stürme, feuerspeiende Berge, Erdbeben. Wir wollen das sanfte Gesetz zu erblicken suchen, wodurch das menschliche Geschlecht geleitet wird.“ Harmonie und eine wohlgeordnete Welt sind die Ideale, die Stifter noch in seinem späteren Bildungsroman Nachsommer im Sinne der „sanften Gesetze“ verwirklicht sehen möchte.

Politisch orientierte Schriftsteller und Literaten, die wir den damaligen Bewegungen des Vormärz oder Jungen Deutschland zurechnen, befanden sich dagegen in regelrechter Opposition zu den herrschenden Verhältnissen. Joseph Görres, Georg Büchner und Heinrich Heine eint, dass sie sämtlich – mindestens temporär – emigrieren mussten. Dieses Schicksal konnten sich die Vertreter des literarischen Biedermeier ersparen, indem sie auf die ihnen und ihrer Leserschaft gemäßen konservativen Themen setzten und auf allzu revolutionäres Gedankengut verzichteten.

Innenarchitektur und Malerei

Eine eigene Architektur hat das Biedermeier nicht hervorgebracht. Diese Auffassung wird in Standardwerken wie der vielfach aufgelegten Baustilkunde von Wilfried Koch vertreten. Wenn für Städte wie das bayerische Hof oder Baden bei Wien trotzdem das Vorhandensein einer innerstädtischen Bebauung im Stil des Biedermeier beschrieben wird, so hat man sich vor Ort gleichwohl innerhalb der vertrauten und längst bekannten Bahnen bewegt, die durch den Klassizismus, der seinerseits in fließenden Übergängen im weiteren Verlauf des vorvergangenen Jahrhunderts vom Historismus abgelöst wurde, geschaffen worden sind.

In Übereinstimmung mit der hier vorgestellten These vom „Cocooning“ ist es wenig überraschend die Innenarchitektur gewesen, die besonders mit ihren Entwicklungen einer eigenständigen Möbelkunst ein feines Gespür für Harmonie und Ästhetik auszudrücken verstanden hat. Kommoden, Sekretäre und mit gestreiften oder geblümten Bezugsstoffen versehene Sofas schmückten die Wohnzimmer eines zu einigem Wohlstand gelangten Stadtbürgertums. Beliebt waren Hölzer wie Mahagoni oder Kirsche und als charakteristische Designelemente leicht geschwungene Biegungen und Handvoluten für die Seitenlehnen von Möbeln.

Sofa im Stil des Biedermeier

In der Malerei, Lithographie und Kunst des Kupferstichs hat es neben Ferdinand Georg Waldmüller oder Peter Fendi vor allem Carl Spitzweg als typischer Vertreter des Biedermeier zu bis heute andauernder Bekanntheit gebracht. Spitzwegs Arbeiten in Öl auf Leinwand wie „Der Kaktusfreund“, „Der Bücherwurm“, „Die Jugendfreunde“, „Der Sonntagsspaziergang“ und am populärsten natürlich „Der arme Poet“ bringen uns auf liebe- und oft humorvolle Weise eine Welt nahe, die längst vergangen ist.

Spitzwegs biedermeierliche Menschen agieren häufig vor Landschaftshintergründen, wie sie ein Caspar David Friedrich auch geschaffen haben könnte. Doch sind sie keine romantischen Heroen in kosmischem Zusammenhang mehr. Vielmehr findet man bei Spitzweg sehr oft Menschen, die beschränkt auf ihre kleine, häufig kleinstädtisch anmutende Welt scheinbar nebensächlichen, kaum weltbewegenden Dingen nachgehen, dabei von einer Atmosphäre heiterer Gelassenheit umgeben.

Es ist nach meinem Empfinden die Art von Gelassenheit und Ruhe in einer weitgehend  entschleunigten Welt, die unserer von nahezu täglich neu geschürten Aufgeregtheiten, Panik und Stress geprägten Gegenwart sehr gut bekommen würde!

Der kommende Beitrag wird sich mit Leben und Werk einer Schriftstellerin der Zeit des Biedermeier beschäftigen: Annette von Droste-Hülshoff.

 

 

 

 

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